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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 19.12.2016 Drucken

Ein Viertel der 2016 geborenen Mädchen wird 100

Rein intuitiv unterschätzen viele die eigene Lebenserwartung. Sie haben die Lebenszeit ihrer Eltern oder Großeltern im Kopf und übersehen dabei die Veränderungen zwischen den Generationen.

Aber auch bei statistischen Tabellen muss man genau hinschauen. Wer sich an Periodensterbetafeln hält, wie sie zum Beispiel vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden, unterschätzt ebenfalls das tatsächliche Ausmaß der Veränderungen. Ein Gespräch mit Professor Dr. Eckart Bomsdorf vom Institut für Ökonometrie und Statistik an der Universität zu Köln.

Weshalb arbeiten Statistiker mit verschiedenen Methoden, wenn sie die Entwicklung von Sterbewahrscheinlichkeiten beschreiben?

Prof. Bomsdorf zu Sterbetafeln und LebenserwartungUm die durchschnittliche Lebenserwartung Neugeborener zu berechnen bzw. für diese Sterbetafel – positiver klingt der englische Ausdruck life table – aufzustellen, benötigt man üblicherweise die sogenannten einjährigen Sterbewahrscheinlichkeiten von der Geburt bis mindestens zum Alter von 100 Jahren. Je nachdem auf welchen Zeitraum sich die verwendeten Sterbewahrscheinlichkeiten beziehen, wird bei den Sterbetafeln zwischen Periodensterbetafeln und Generationensterbetafeln unterschieden. Welche Art von Sterbetafel verwendet wird, hängt im Grunde einerseits von der jeweiligen Zielsetzung der Anwender und andererseits von der Verfügbarkeit der Daten ab. Von amtlicher Seite wurden in der Vergangenheit immer die Periodensterbetafeln in den Vordergrund gestellt, da dort die bekannten aktuellen einjährigen Sterbewahrscheinlichkeiten einfließen.

Was muss man bei Periodensterbetafeln unbedingt wissen, damit die darin aufgeführten Zahlen nicht falsch verstanden werden?

Diese als allgemeine Sterbetafeln bezeichneten Tafeln berücksichtigen nicht den zu erwartenden Rückgang der Sterbewahrscheinlichkeiten. Lassen sie mich in diesem Zusammenhang das Statistische Bundesamt zitieren: „Die sogenannte Querschnitts- oder Periodensterbetafel bildet die Sterblichkeitsverhältnisse der gesamten Bevölkerung während eines bestimmten Zeitraumes und damit auch die dort herrschenden Bedingungen ab. Die in einer Querschnitts- oder Periodensterbetafel ausgewiesene Lebenserwartung entspricht deshalb der durchschnittlichen Zahl von weiteren Jahren, die eine in einem bestimmten Alter lebende Person nach den im Beobachtungszeitraum geltenden Sterblichkeitsverhältnissen noch leben würde. Eine Veränderung der Sterblichkeitsverhältnisse in der Zukunft wird hierbei nicht berücksichtigt.“

Die aktuelle Lebenserwartung spiegelt sich in den Periodensterbetafeln also nicht direkt wider.

So ist es. Das Statistische Bundesamt betont immer wieder, dass es sich bei den Werten einer Periodensterbetafel nicht um eine Vorhersage der Lebenserwartung handelt. Die Werte der aktuellen allgemeinen Sterbetafel 2013/2015 des Statistischen Bundesamtes unterschätzen die aktuelle Lebenserwartung systematisch.

Diesen Nachteil besitzen die Generationensterbetafeln nicht?

Die in einer zukunftsorientierten Längsschnitt- oder Generationensterbetafel, zum Beispiel für den Geburtsjahrgang 2016, ausgewiesene Lebenserwartung entspricht dagegen der durchschnittlichen Zahl von weiteren Jahren, die eine in einem bestimmten Alter lebende Person nach den im Verlauf ihres weiteren Lebens durchschnittlich zu erwartenden Sterblichkeitsverhältnissen noch leben würde. Für eine Generationensterbetafel für den Geburtsjahrgang 2016 werden demnach die einjährigen Sterbewahrscheinlichkeiten für Neugeborene 2016, für Einjährige 2017, für Zweijährige 2018 und so weiter benötigt. Daraus wird in einem weiteren Schritt dann die Lebenserwartung berechnet. Eine Veränderung der Sterblichkeitsverhältnisse in der Zukunft wird hierbei nach einem bewährten Modell berücksichtigt. Die so bestimmte Lebenserwartung ist höher als die nach der Periodensterbetafel ausgewiesene, da die einjährigen Sterbewahrscheinlichkeiten historisch gesehen immer weiter zurückgehen.

„Die Lebenserwartung heute Geborener ist zehn Jahre höher.“

Wie groß sind die Unterschiede zwischen Perioden- und Generationensterbetafeln?

Der allgemeinen Sterbetafel 2013/2015 des Statistischen Bundesamtes nach beträgt die Lebenserwartung Neugeborener aktuell rund 83 Jahre bei Mädchen bzw. 78 bei Jungen. Eigenen Modellrechnungen nach kann davon ausgegangen werden, dass die Lebenserwartung heute Geborener jedoch mindestens zehn Jahre höher liegt. Entsprechende Betrachtungen existieren für die (fernere) Lebenserwartung beispielsweise 20-Jähriger, 50-Jähriger oder 70-Jähriger im Jahr 2016. Unabhängig davon, ob Perioden- oder Generationensterbetafeln Verwendung finden, in jedem Fall handelt es sich letztlich um Prognosen der Lebenserwartung.

Wie viele der heute Neugeborenen haben zum Beispiel die Chance, 100 Jahre zu werden?

Von den 2016 geborenen Mädchen dürften unseren Modellrechnungen nach nahezu ein Viertel das Alter von 100 Jahren und sogar fast 90 Prozent das Jahr 2100 erleben. Bei den Jungen liegen die vergleichbaren Zahlen bei einem Sechstel bzw. über 82 Prozent.

Mit der zunehmenden Lebenserwartung erhöht sich die durchschnittliche Rentenbezugsdauer. 1960 standen Lebensarbeitszeit und Rentenzeit im Verhältnis von etwa 4:1, heute beträgt dieses Verhältnis 2,25:1. Wie wird dieses Verhältnis 2060 ausfallen?

Im Jahr 2060 würde es bei 1,9 zu 1 liegen, wenn keine weitere Anpassung erfolgt. In den Folgejahren würde dieses Verhältnis noch weiter zurückgehen.

„Eine weitere Anhebung des Rentenalters ist nötig.“

In der Politik wird derzeit ausgesprochen kontrovers darüber diskutiert, ob das Renteneintrittsalter nach 2029 weiter nach oben verschoben werden soll. Zu welchem Schluss führt die nüchterne Analyse der Zahlen?

Eine Anpassung ist natürlich erforderlich. Es kann im Zuge der zu erwartenden demografischen Veränderungen nicht funktionieren, dass wir immer länger leben, aber am liebsten immer weniger Jahre arbeiten wollen. Die Rente mit 67 war schon ein richtiger Schritt. Sie ist keineswegs eine riesige Rentenkürzung, wie manche uns weismachen wollen.

Sie haben bereits vor mehr als einem Jahr einen Vorschlag entwickelt, wie die Regelaltersgrenze ab dem Jahr 2030 an die steigende Lebenserwartung angepasst werden könnte. Womit müssten Menschen rechnen, wenn Ihr Modell Wirklichkeit würde?

Das hängt davon ab, wie die gewonnenen Lebensjahre auf die Erwerbs- und die Rentenphase aufgeteilt werden. Je nachdem würde ein schrittweiser moderater Anstieg der Regelaltersgrenze nach 2031 von 67 Jahren auf 69 oder 70 Jahre im Jahr 2070 erfolgen. Bis dahin wird sich die Arbeitswelt stark verändert haben. Eine Regelaltersgrenze von 69 oder 70 Jahren würde demnach erstmals für Personen des Geburtsjahrgangs 2000 zutreffen. Das wird in der aktuellen und vielfach emotional geführten Diskussion meist vergessen, um nicht zu sagen unterschlagen.

„Alterskorridor statt fixes Renteneintrittsalter.“

Welche Erfahrungen gibt es in anderen Ländern mit einer solchen Kopplung von Lebenserwartung und Renteneintritt?

Länder wie Schweden und Dänemark sehen eine Anpassung an die Veränderung der Lebenserwartung vor. Es gibt dabei sogar Ansätze, die darauf abzielen, den Renteneintritt so nach oben zu schieben, dass die durchschnittliche Rentenbezugszeit konstant bleibt. Dies halte ich allerdings für eine sehr einseitige und gesamtgesellschaftlich nicht vertretbare Sichtweise.

Ist ein fixes Renteneintrittsalter noch zeitgemäß? Wäre ein Korridor, in dem jeder selbst entscheidet, wann er in Rente geht, nicht die bessere Antwort auf die Veränderungen in unserer Arbeitswelt? Das gesetzliche Renteneintrittsalter wäre dann nur noch eine Rechengröße für die Bestimmung der Rentenleistung.

Ein fixes Renteneintrittsalter praktizieren wir streng genommen schon heute nicht, wie die Realität zeigt. In der Tat kann es langfristig ein Ziel sein, bei Beibehaltung und Anpassung der Regelaltersgrenze diese gewissermaßen nur als einen Richtwert zu nehmen. Wer zu diesem Zeitpunkt in Rente geht, erhält seine Rente ungekürzt. Wer früher geht, kann dies tun, muss aber selbstverständlich Abschläge in Kauf nehmen. Alles andere wäre ungerecht. Wer später in Rente geht, erhält Zuschläge und kann sogar seine Rentenansprüche durch Weiterarbeiten erhöhen. Den Renteneintritt über die Regelaltersgrenze hinaus zu verschieben, ist heute schon nahezu ohne Einschränkung möglich. Die Frage bleibt, um wie viele Jahre sich der Rentenbeginn vorziehen lassen soll und wer von dieser Regelung profitiert. Oder anders gesagt: wer kann es sich leisten , diese in Anspruch zu nehmen?

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