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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 8.12.2016 Drucken

Altersbilder passen nicht in Schubladen

Was wird aus 60-jährigen Dachdeckern? Wie versichert man sich gegen Einsamkeit im Alter? Wer springt ein, wenn die traditionellen Familienbande nicht mehr funktionieren? Eine Diskussion mit Uwe Amrhein vom Generali Zukunftsfonds über Altersbilder, Nachholbedarf und die Zivilgesellschaft.

Ältere Menschen sind heute wesentlich fitter als früher. Sie unternehmen Dinge, an die Gleichaltrige vor einigen Jahrzehnten nicht im Traum gedacht hätten. Dennoch beschleicht einen das Gefühl, dass wir immer noch nicht das richtige Bild vom Alter gefunden haben. Teilen Sie diese Zweifel?

Uwe AmrheinFrüher verband man Altern immer mit Vereinsamung, Verfall und Armut. Das war die typische Vorstellung. Heute findet man häufig das gegenteilige Bild: der vor Energie strotzende Ältere, der Kreuzfahrten unternimmt, Marathon läuft und uns aus der Werbung entgegen lacht. Aber das sind Stereotype. Es fehlt ein differenziertes Altersbild. Ein Bild, das das Potenzial der Älteren zeigt, aber auch deren erhöhtes Maß an Verletzlichkeit. Letzteres kann und darf man nicht unterschlagen. Das Alter birgt natürlich Risiken. Das statistisch höchste Krebsrisiko ist das Alter, nicht das Rauchen. Es entstehen kognitive und körperliche Einschränkungen. Daher ergibt sich die Frage: Wie lassen sich trotz dieser Einschränkungen die vorhandenen Potenziale erschließen?

Da haben wir noch Nachholbedarf?

Allerdings. Nehmen wir zum Beispiel die zivilgesellschaftlichen Organisationen. Selbst da bestehen Altersschranken. Ein Mitglied der freiwilligen Feuerwehr zum Beispiel kommt mit 60 automatisch von der Einsatzabteilung in die Alters- und Ehrenabteilung. Allein das Wort ist schon eine Altersdiskriminierung. Ein 60-Jähriger gräbt also unter Umständen zweimal am Tag seinen Garten um, darf aber kein Feuer mehr löschen. Wir sollten also nicht immer nur mit dem Finger auf die Politik zeigen, sondern vor allem auf die Zivilgesellschaft selbst. Auch die Wirtschaft hat noch großen Nachholbedarf.

Hat sich in der Wirtschaft nicht schon einiges verändert? Frühverrentungswellen, wie wir sie in den 80er und 90er Jahren erlebt haben, gehören doch der Vergangenheit an.

Stimmt. Mittlerweile investieren Unternehmen sogar viel Geld, um Ältere länger im Arbeitsprozess zu halten. Allerdings teile ich nicht die optimistische Einschätzung, dass die Wirtschaft schon viel getan hat. Nur zwei Prozent der Großunternehmen betreiben aktives Demografiemanagement. Wie viele Unternehmen bieten über 50-Jährigen betriebsbegleitende Weiterbildung an? Wo finden wir lebenslanges Lernen im Betrieb? Es wird viel Aufwand betrieben, um junge Talente zu finden, um Jugendliche für den Start ins Berufsleben zu qualifizieren. Aber in der letzten Phase der Erwerbszeit kümmert sich niemand mehr um die Arbeitnehmer. Wir brauchen viel stärkere Bemühungen um flexible Erwerbsbiografien in den letzten Berufsjahren.

Der Dachdecker gehört mit 66 nicht mehr aufs Dach, aber mit 55 in die Berufsberatung.

So ist es, ein Handwerker braucht unter Umständen im Laufe seines Erwerbslebens noch einmal eine andere Tätigkeit, weil die bisherige nicht bis zur Rente zu schaffen ist. Wir dürfen aber den Büroarbeiter mit 66 nicht zwangsweise in den Ruhestand schicken, weil der Handwerker mit 63 kaputte Knie hat. Dafür gibt es in der Wirtschaft einfach noch zu wenig flexible Lösungen.

„Das Engagement älterer Menschen ist enorm.“

Wie sieht es mit dem Alltag in den Familien aus? Die traditionellen Strukturen lösen sich auf. Aufgaben, die früher in der Familie zwischen den Generationen bewältigt wurden, erfordern heute ebenfalls andere Lösungen. Kommt unsere Gesellschaft da voran?

Das Engagement älterer Menschen ist enorm. Laut Generali-Altersstudie sind 45 Prozent der Menschen über 65 Jahre bürgerschaftlich engagiert. Dabei handelt es sich nicht nur um eine bloße Mitgliedschaft in einem Verein, sondern um aktive Tätigkeit. Rund ein Viertel dieser Engagierten hat damit erst im Alter, als jenseits der 65 begonnen.

Die Ausgangslage ist also günstig für Unterstützung jenseits der Familienstrukturen.

Richtig. Solches Engagement gewinnt aber auch an Bedeutung. Zum Beispiel für die Ergänzung professioneller Betreuung im Pflegefall durch bürgerschaftliche Unterstützung. 70 Prozent der Pflege findet derzeit im häuslichen Umfeld statt. Wenn aber die mittlere Generation, der Träger dieser Pflege, ab 2030 schrumpft, entsteht ein erhebliches Problem. Einerseits wächst der Pflegebedarf. Andererseits sind immer weniger Personen vorhanden, die diese Pflege übernehmen können. Der Bedarf an nachbarschaftlicher Zuwendung steigt also.

„So wächst eine zusätzliche Säule der Altersvorsorge heran.“

Wie sollte nachbarschaftliches Engagement organisiert werden, damit es nicht dem Zufall überlassen bleibt?

Zum Beispiel durch Seniorengenossenschaften oder ähnliche Formen verbindlicher Nachbarschaftshilfe. Davon gibt es derzeit in Deutschland 220. In diesen Organisationen wird das Engagement nicht nur mit Dank, sondern auch mit einer Zeit- oder Geldgutschrift vergütet. Dieses Guthaben kann eingelöst werden, wenn selbst Bedarf an Unterstützung besteht. Dadurch wächst eine zusätzliche Säule der Altersversorgung heran.

220 Seniorengenossenschaften in ganz Deutschland – das ist nicht viel. Für eine ergänzende Säule der Altersvorsorge sicherlich zu wenig.

Immerhin gibt es 11.000 Kommunen. Darunter viele Großstädte, die 20 oder 30 solcher Genossenschaften vertragen könnten. Das macht ein Potential von etwa 15.000 Nachbarschaftsorganisationen aus.

Woran scheitert bislang eine größere Verbreitung dieser guten Idee?

Es handelt sich immer um individuelle Initiativen. Jeder fängt bei null an. Es fehlt ein systematischer Projekt- und Erfahrungstransfer. Wir bräuchten einen Katalysator, der die Gründung leichter macht. In jedem Bundesland müsste es Anlaufstellen für die Unterstützung solcher Seniorengenossenschaften geben. Nur eine Webseite zur Information einzurichten, reicht dafür nicht. Nötig sind Workshops, Exkursionen, Coaching, Qualifizierungsangebote, Unterstützung vor Ort.

Wer soll das bezahlen?

Mit einem Prozent der umfangreichen Förderung von nicht selten unsinnigen Modellprojekten könnten diese Strukturen finanziert werden. Geld ist also da. Die fördernden Institutionen – die öffentliche Hand, Unternehmen und Stiftungen – müssten es lediglich anders einsetzen. Breitenwirkung statt Bau von Leuchttürmen. Die Idee der Seniorengenossenschaften muss aktiv vermarktet werden.

„Bürgerhilfe ist mehr als das Sahnehäubchen auf dem Sozialsystem.“

Das wird ohne Meinungswandel nicht funktionieren. Bürgerschaftliches Engagement gilt heute noch als reine Zugabe.

Wir haben immer noch ein falsches Bild: Der Staat sorgt für die soziale Sicherung, die Wirtschaft für die Prosperität und das bürgerschaftliche Engagement liefert das Sahnehäubchen aufs Sozialsystem. Aber so ist es doch längst nicht mehr. Bürgerschaftliches Engagement wird in Zukunft elementarer Bestandteil der sozialen Sicherung und der Erhaltung von Lebensqualität sein. Dieses Verständnis ist in der Zivilgesellschaft noch nicht vorhanden. Stattdessen herrscht die Meinung vor, bürgerschaftliches Engagement dürfe auf keinen Fall instrumentalisiert oder gar monetarisiert werden. Damit marginalisiert es sich selbst.

Was bremst eine weitere Verbreitung solcher Bürgerhilfe außerdem?

Die fehlende Verbindung zwischen den einzelnen lokalen Initiativen. Die erworbenen Guthaben sind bislang nicht portabel. Ein 25-jähriger Student, der sich im Berliner Kiez für seine Nachbarn engagiert und damit Guthaben erwirbt, sollte dieses auch für seine unterstützungsbedürftige Mutter in Passau einsetzen oder später an einen anderen Ort mitnehmen können. So lange das nicht möglich ist, wird es schwer bleiben, junge Menschen zur Mitarbeit zu gewinnen.

Wenn Sie mit nur einer Frage einen Gesprächspartner zum Nachdenken über eigenes bürgerschaftliches Engagement anstiften sollten, wie würde diese lauten?

Bist du gegen Einsamkeit im Alter versichert?

Die Antwort wäre wohl: nein. Dagegen gibt es keine Versicherung.

Stimmt nicht. Die beste Versicherung ist ein stabiles soziales Netzwerk. Aber das fällt nicht vom Himmel, sondern muss organisiert werden.


Uwe Amrhein gehört seit Oktober 2012 zum Leiterteam des Generali Zukunftsfonds. Zuvor hat er in Berlin die Stiftung Bürgermut mit gegründet, die er als ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender leitet. Amrhein ist ausgebildeter Journalist und führte als Chefredakteur eine regionale Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet. Die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements gehört seit vielen Jahren zu seinen Arbeitsschwerpunkten.

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