Nachricht an die Redaktion

Ihre Nachricht an uns


Mit * markierte Felder, sind Pflichtfelder

Einkommen & Vermögen

Rund ums liebe Geld: So viel wird verdient.

Einkommen & Vermögen | 17.4.2018 Drucken

Zerstörung des Reallohn-Mythos

In jüngster Zeit ist in Politik und Medien viel von sozialem Zusammenhalt und Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg die Rede. Ein wesentliches Beurteilungskriterium dafür liefert die Entwicklung der Reallöhne. Doch die offiziellen Zahlen zu den Reallöhnen, so kritisiert Buchautor Hartmut Görgens, haben einen Mythos erzeugt. Im Gespräch erläutert er, wie dieser Reallohn-Mythos entstand und wie er entzaubert wird.

Was stimmt nicht an der Statistik?

Die offiziellen Statistiken stimmen, sie wurden jedoch falsch interpretiert und führten in die Irre. So wurde die oft genutzte Zahlenreihe der Bruttolöhne und -gehälter pro Kopf aller Beschäftigten (Durchschnittslohn) aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes gleichgesetzt mit der Entwicklung der Löhne der Arbeitnehmer. Preisbereinigt war zum Beispiel dieser Durchschnittslohn in Deutschland im Jahr 1992 nicht höher als in 2014. Das führte vorschnell oder unbedacht zu der Aussage vieler Autoren, die Realverdienste der Arbeitnehmer seien in diesem Zeitraum nicht angestiegen. Der Mythos einer jahrzehntelangen Reallohnstagnation war geboren. Einige Schlagzeilen dazu: „Reallöhne heute nicht höher als 1990“ von DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Sahra Wagenknecht für die Jahre 1986 bis 2006: „20 Jahre ohne den geringsten Wohlstandseffekt für die Beschäftigten“.

„Viele übersehen die Wirkung der Teilzeitbeschäftigung.“

Was ist an diesen Feststellungen falsch?

Es wurde übersehen, dass die Zahl der Teilzeitbeschäftigten einschließlich der Beschäftigten mit geringfügiger Arbeitszeit zum Beispiel von 1991 bis 2016 um neun Millionen auf 15 Millionen zugenommen hat. Dadurch wird der Durchschnittslohn pro Kopf aller Beschäftigten ganz erheblich nach unten gedrückt.

Ganz erheblich?

Ja, der Effekt ist erstaunlich hoch. Dazu eine nachvollziehbare Modellrechnung: Ausgegangen wird von einem Anstieg des Anteils der Teilzeitbeschäftigten an allen Beschäftigten (Teilzeitquote) von 17,9 v. H. in 1991 auf 39 v. H. in 2016 und einer Verdienstsumme der Teilzeitbeschäftigten von einem Drittel der der Vollzeitbeschäftigten. Werden nun die Löhne aller Beschäftigten, also auch jedes einzelnen Teilzeitbeschäftigten, um 20 Prozent erhöht und die Arbeitszeiten bleiben konstant, dann wird der Durchschnittslohn pro Kopf aller Beschäftigten dennoch nur um 0,6 Prozent zunehmen.

„Viele sind in die Statistikfalle getappt.“

Welche Schlussfolgerung ziehen Sie daraus?

Bei steigender Teilzeitquote lässt sich aus der Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Durchschnittslohns nicht auf die Entwicklung der Löhne der Arbeitnehmer schließen. Aber genau in diese Statistikfalle sind viele getappt.

Gibt es inzwischen statistische Daten, die die Entwicklung der Reallöhne adäquat widerspiegeln?

Ja, zum Glück schaltet der seit 2007 erstellte Reallohnindex des Statistischen Bundesamtes diesen teilzeitbedingten Verzerrungseffekt aus. Bei ihm wird – wie dies bei Indexreihen richtig ist – mit konstanten Gewichten (hier: Arbeitnehmerstruktur) ein Laspeyres-Kettenindex gebildet. Allerdings segelten für die Jahre vor 2007 die (unechten) Durchschnittslöhne der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung  unter dem falschen Namen „Reallohnindex“ bis vor kurzem mit.  Erst aufgrund meines statistisch-methodischen Einwandes wurden sie seit einem Jahr nicht mehr aufgeführt.

„Man muss den Teilzeiteffekt eliminieren.“

Was wird aus den Jahren vor 2007?

Für die effektiven, das heißt tatsächlich gezahlten Löhne lag bisher keine Ausschaltung des Teilzeiteffektes vor. Deshalb habe ich erstmals ein Verfahren entwickelt, um die Teilzeitwirkung annähernd zu eliminieren. Ich habe es in meinem kleinen Buch („Irrtum und Wahrheit über die Reallohnsteigerung seit 1990“, Metropolis-Verlag 2018) und in einer dort angegebenen wissenschaftlichen Veröffentlichung dargestellt. Allerdings gibt es für die Tariflohnentwicklung den Tarifindex der Bundesbank.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie bei Ihren Berechnungen?

Entwicklung der Reallöhne in DeutschlandDanach ergibt sich für die Jahre 1991 bis 2007 ein Zuwachs der effektiven Reallöhne von 11,3 Prozent. Dieses Ergebnis kommt dem Resultat des preisbereinigten Verdienste-Tarifindex der Bundesbank (15,3 Prozent) nahe. Es war zu erwarten, dass sich   wegen zunehmender Tarifflucht die von den Gewerkschaften erzielten Tariferhöhungen  nicht immer voll in effektive Lohnerhöhungen umsetzen und in alle Bereichen der Wirtschaft ausbreiten würden (negative Lohndrift). Verlängert man die Zeitreihe für die Jahre ab 2007 mit dem neuen Reallohnindex, dann ergibt sich ein Zuwachs von 22,1 Prozent (Bundesbank-Tarifindex 26,8 Prozent). Der Anstieg der realen Stundenlöhne bestätigt dies.

… die ja auch angestiegen sein müssten?

So ist es. Der teilzeitbedingte, nach unten drückende Effekt tritt nicht nur bei der Verdienstsumme pro Kopf, sondern auch bei den  Stundenlöhnen auf, allerdings nicht so ausgeprägt, da die Teilzeitbeschäftigten im Durchschnitt immerhin rund drei Viertel des Stundenlohns der Vollzeitbeschäftigten erzielen. Die effektiven realen Stundenlöhne wurden von 1991 bis 2016 nach der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung um 24,9 Prozent, teilzeitbereinigt um rund 28 Prozent und nach dem Tarif-Index der Bundesbank um 30,1 Prozent angehoben.

„Die Kritisierten äußern sich nicht.“

Das klingt plausibel. Was sagen die von Ihnen Kritisierten dazu?

Sie äußern sich nicht, obwohl ich ihnen fast ein Jahr vor Veröffentlichung meine Kritik in ausführlicher schriftlicher Form vorgetragen hatte. Wahrscheinlich will man die statistisch-methodischen Einwände eines Unbekannten in hohem Alter aussitzen und hat offenbar auch nichts entgegenzusetzen. Demgegenüber hat mir einer der prominentesten Statistik-Professoren, Walter Krämer, geschrieben, mein Buch, in dem noch ein anderer wesentlicher Kritikpunkte an Fehlinterpretationen des DIW bezüglich des zeitlichen Verlaufs der Löhne nach Lohngruppen enthalten ist, sei „verdienstvoll“ und er gebe mir recht.

Sie haben also den Mythos einer jahrzehntelangen Reallohnstagnation zerstört?

Na zumindest einen Beitrag dazu geliefert. Den Gewerkschaften ist es auch in den letzten Jahrzehnten, die wegen der hohen Arbeitslosigkeit tarifpolitisch schwierige Zeiten waren, immer wieder gelungen, für die Arbeitnehmer in Hinblick auf das allerdings mäßige Wirtschaftswachstum Reallohnverbesserungen zu erzielen.


Hartmut Görgens, Jahrgang 1939, war von 1969 bis 1998 Leiter der Sachgebiete Konjunktur- und Beschäftigungspolitik, Außenwirtschaftspolitik und Einkommenspolitik beim DGB-Bundesvorstand.

Nachricht an die Redaktion

Senden Sie Hinweise, Lob oder Tadel zu diesem Artikel an die DIA Redaktion.

Nachricht an die Redaktion

Haben Sie Anmerkungen oder Fragen zu diesem Beitrag? Schreiben Sie uns gern! Wir freuen uns auf Ihre Nachricht.

Ihre Nachricht an uns


Mit * markierte Felder, sind Pflichtfelder

Artikel teilen

Ihre Nachricht am den Empfänger (optional)
Mit * markierte Felder, sind Pflichtfelder

Ausgewählte Artikel zum Thema

Frauen arbeiten 77 Tage im Jahr umsonst

Am Sonntag ist der deutsche Equal Pay Day. Dieser Tag kennzeichnet die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern. So arbeiten Frauen, gemessen am Geschlechterunterschied, bis zum 18. März umsonst, während ihre männlichen Kollegen die ganze Zeit entlohnt werden. Frauen verdienen bekanntlich weniger als Männer. Doch wie groß ist der Unterschied genau? Darauf macht der Equal Pay Day […]

Artikel lesen

Wer Kinder hat, lebt ärmer

Je mehr Kinder in einem Haushalt wohnen, desto höher ist für die Eltern das Risiko, unter die Armutsgrenze zu rutschen. Familien sind somit stärker von Armut bedroht als kinderlose Paare. Am schlimmsten sieht es jedoch für Alleinerziehende aus. Die OECD-Skala gilt dabei als Standard bei der Verteilungs- und Armutsforschung. Doch die Skala unterscheidet nur nach […]

Artikel lesen

Auf die Kaufkraft kommt es an

Wie viele Europäer sind arm, wie viele reich? Um diese Frage zu beantworten, genügt es nicht, die Einkommen allein zu vergleichen. Sie müssen stattdessen in Relation zur Kaufkraft des jeweiligen Landes gestellt werden. Als armutsgefährdet gelten Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beziehen. Die Mittelschicht definiert sich zwischen 80 bis 150 Prozent […]

Artikel lesen