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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 7.9.2017 Drucken

Österreichs Geburtenrate steigt wieder

In Diskussionen über die Alterung der Gesellschaft und über die verschiedenen Rentensysteme wird häufig Österreich als Vorbild angeführt. Ein Gespräch mit Sophie Karmasin, Bundesministerin für Familien und Jugend in Österreich, beleuchtet Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit Deutschland.

Österreich befindet sich in einer ähnlichen Situation wie Deutschland: die Bevölkerung altert immer mehr, der demografische Wandel spiegelt sich in allen Bereichen der Gesellschaft wider. Wie ist das Land darauf vorbereitet? Mit welchen Konzepten reagiert Österreich auf diese Veränderungen?

Bundesministerin Sophie KarmasinTatsächlich erleben wir in vielen Bereichen eine ähnliche Situation wie in Deutschland, auch wenn einige Unterschiede bei der Geschwindigkeit und Schärfe dieser Prozesse existieren. Erstens wächst die Bevölkerung in Österreich seit Jahrzehnten kontinuierlich. Das ist in Deutschland nicht der Fall gewesen. Zweitens fällt die Migration in Österreich etwas höher aus als in Deutschland. Drittens ist die deutsche Bevölkerung älter. Übereinstimmung besteht bei der schwachen Geburtenrate. Allerdings erlebte Österreich in den letzten drei Jahren eine positive Entwicklung, die aber noch nicht ausreicht. Doch der Trend zeigt zumindest wieder nach oben. Das war über Jahre hinweg nicht zu erwarten.

Daraus ergeben sich mehrere große demografische Probleme, die wir lösen müssen. Zum einen die Finanzierbarkeit von Pensionen und Pflege. Zum anderen die Schaffung familienfreundlicher Rahmenbedingungen im ganzen Land. Letzteres zielt allerdings nicht nur auf die weitere Erhöhung der Geburtenrate, sondern ebenso auf die Aktivierung zusätzlicher Fachkräfte. In Österreich ist der Mangel an Fachkräften noch nicht so spürbar wie in Deutschland, allenfalls in der Gesundheits- und in der IT-Branche. Aber wir müssen dafür Sorge tragen, dass zum Beispiel Frauen nach der Betreuung ihrer Kinder wieder schneller in den Beruf einsteigen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist also ein großes Thema in Österreich. Das dritte große Feld machen Migration und Integration aus, hier besteht die Aufgabe, die zugewanderten Menschen gut in den Arbeitsprozess zu integrieren.

„Natürlich gibt es Handlungsbedarf in den Sozialsystemen.“

Hat die österreichische Bundesregierung eine Demografiestrategie?

In den einzelnen Verantwortungsbereichen existieren Zielsetzungen zum Beispiel zur Entwicklung der Pensionen, zur Gesundheits- und Pflegeversorgung, aber interministeriell mangelt es noch an einer gemeinsamen Herangehensweise.

Sind die österreichischen Sozialsysteme demografiefest oder besteht akuter Handlungsbedarf?

Natürlich gibt es Handlungsbedarf. Zum einen bei der Geburtenrate. Daran arbeiten wir ständig. Mit unterstützenden finanziellen Leistungen oder einer verbesserten Kinderbetreuung. Der Anstieg der Geburtenrate in den letzten drei Jahren geht sicherlich auch auf unsere Investitionen in diesem Bereich zurück. Zum anderen müssen wir überlegen, wie die Erwerbsphase älterer Menschen verlängert werden kann. Wir haben bei einer insgesamt durchschnittlich längeren Lebensdauer einen relativ abnehmenden Anteil des Erwerbslebens. Längere Ausbildungszeiten, längere Pensionszeiten, aber kürzere Erwerbszeiten. Das wird auf Dauer nicht finanzierbar sein.

„Wir wollen Österreich zum familienfreundlichsten Land in Europa machen.“

Was unternimmt Österreich, um das Erwerbspotenzial zu vergrößern?

Mein Ressort hat vor drei Jahren das Netzwerk „Unternehmen für Familien“ gegründet, um Unternehmen einzuladen, gemeinsam Österreich zum familienfreundlichsten Land in Europa zu machen. Dabei gilt: motivieren statt regulieren. Die Anstrengungen der Unternehmen sind schließlich nicht uneigennützig. Sie haben mittlerweile erkannt, welche betriebswirtschaftlichen Vorteile ein familienfreundliches Umfeld besitzt: weniger Krankenstand, weniger Fluktuation, stärkere Anziehungskraft auf Fachkräfte. Dieses Netzwerk funktioniert gut. Familienfreundlichkeit ist inzwischen zu einem Entscheidungskriterium für Bewerber geworden.

Gibt es Überlegungen, das gesetzliche Renteneintrittsalter anzuheben? Das würde nicht nur die Finanzierung der Rentenversicherung stärken, sondern auch das Arbeitskräftereservoir vergrößern.

Wir arbeiten im Augenblick daran, das reale Renteneintrittsalter zu steigern. So lange das durchschnittliche Alter, mit dem Arbeitnehmer in Rente gehen, noch mehrere Jahre unter dem gesetzlichen Renteneintrittsalter liegt, bringt es nichts, Letzteres noch weiter heraufzusetzen.

„Beim Kinderbetreuungsgeld wurde die Beteiligung der Väter stärker ins Zentrum gerückt.“

Stichwort Geburtenrate. Es gibt die Auffassung, dass in entwickelten Industriestaaten politisch-institutionell nur wenig auf die Geburtenrate eingewirkt werden kann, weil Verhaltensweisen schwer zu beeinflussen sind. Teilen Sie diese Auffassung?

Ich bin überzeugt davon, dass sich die Geburtenrate verändern lässt. Wir sehen das seit drei Jahren. Die Wunschkinderzahl liegt laut Befragungen in Österreich bei zwei, tatsächlich beträgt die Geburtenrate aber nur 1,5. Wir hatten auch schon mal nur 1,3. Es gibt zwei entscheidende Kriterien: die Perspektive der Frau für den Wiedereinstieg in den Beruf und die Partnerschaftlichkeit bei der Betreuung und Erziehung der Kinder. In Familien, in denen die Frau die Auffassung vertritt, die Kindererziehung und Hausarbeit sind nicht partnerschaftlich organisiert, sagt sie nein zum zweiten Kind.

Daher haben wir das Kinderbetreuungsgeld reformiert und dabei die Beteiligung der Väter viel stärker ins Zentrum gerückt. Es gibt jetzt den sogenannten bezahlten Familienmonat direkt nach der Geburt parallel zur Elternzeit der Mutter und einen Partnerschaftsbonus. Wenn sich Eltern die Erziehungszeit mindestens 60 zu 40 Prozent aufteilen, erhalten sie einen Sonderbonus von 1.000 Euro. Dieses neue System bietet viel flexiblere Möglichkeiten für die Eltern. Sie können die Erziehungszeit in einer Spanne von zwölf und 35 Monaten auf Tagesbasis aufteilen und die Bezugsdauer auch wechseln.

„Ambulante Pflege findet man in Österreich noch viel zu wenig.“

Allein durch die zahlenmäßige Zunahme der Älteren wird es in Zukunft mehr Aufwand für Pflegebedürftige geben. Wie reagiert Österreich darauf?

Mit der unlängst erfolgten Abschaffung des Pflegeregresses setzt ein Veränderungsprozess ein. Die Bundesländer können die Kinder nicht mehr zur Finanzierung der Pflegeheimkosten ihrer Eltern heranziehen. Früher haben viele Familien so lange wie möglich gezögert, den Vater oder die Mutter einem spezialisierten Pflegeheim anzuvertrauen. Mit dem Wegfall des Regresses existiert dieser Vorbehalt nicht mehr. Daher wird es notwendig sein, die Anzahl der Plätze in Pflegeheimen aufzustocken oder mehr ambulante Pflegemöglichkeiten zu schaffen. Ambulante Pflege findet man in Österreich noch viel zu wenig.

„Hohe Investitionen in die Kinderbetreuung werden fortgesetzt.“

Frauen tragen die Hauptlast der Pflege. Was wird in Österreich unternommen, um die Doppelbelastung aus eigener Berufstätigkeit und Pflege abzumildern?

Zum einen das Gleiche wie in der Kindererziehung: Partnerschaftlichkeit fördern. Zum anderen haben wir verschiedene Modelle bei der Pflege. Die Pflegekarenz kann nicht nur für Kinder, sondern auch für andere Familienangehörige als Freistellung oder Pflegeteilzeit in Anspruch genommen werden. Darauf besteht aber kein Rechtsanspruch. Im Netzwerk „Unternehmen für Familien“ entstehen außerdem Lösungen in Unternehmen, um Pflege und Berufstätigkeit besser zu vereinbaren.

Welche Themen spielen in den anstehenden Nationalratswahlen eine Rolle?

Der Ausbau der Kinderbetreuung. Wir wollen die hohen Investitionen in die Kinderbetreuung auch in der kommenden Legislaturperiode fortsetzen. Außerdem diskutieren wir über ein zweites verpflichtendes Gratis-Kindergartenjahr. Für die Fünfjährigen existiert bereits eine solche Regelung. Jetzt geht es um die Frage, ob dies auch auf die Vierjährigen ausgedehnt werden soll.

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