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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 22.6.2020 Drucken

Gründen mit über 60

In Start-ups arbeiten Menschen um die 20? Gründen – eine Sache der Jüngeren? Nein, denn auch mit über 60 sind die Visionen groß und der Unternehmergeist ausgeprägt.

In der Pandemie gelten Menschen über 60 Jahre vermeintlich nur noch als Risikogruppe. Die Corona-Krise vermittelt damit ein völlig überholtes Bild der älteren Generation. Die Körber-Stiftung zeichnete vergangene Woche vier 60plus Gründer für ihr Unternehmertum aus und zeigt damit: Die Welt zu verbessern, ist keine Frage des Alters. Der Preis war mit je 60.000 Euro dotiert.

Gründen mit über 60Die vier Gewinner sind zwischen 66 und 75 Jahre alt. Der jüngste unter ihnen: Gerhard Dust. Er gilt als Revolutionär im Bauen. Eigentlich war der ehemalige Buchhändler schon längst im Ruhestand. Bei dem schweren Erbeben in Haiti 2010 war für den Rentner aber schnell klar, dass er beim Wiederaufbau helfen will. Dafür entwickelte Dust dann gleich ein komplett neues Bausystem.

Mithilfe von einfachen Steckelementen bauen dank Dust nun auch ungelernte Arbeiter Häuser mit den eigenen Händen. Grundlage dafür ist der nachhaltige Baustoff Polymer-Beton, dessen Entwicklung Dust stark förderte. Das Gute daran: Neben dem Polymer-Beton werden keine weiteren Hilfsmittel für den Bau benötigt. Insbesondere nach Naturkatastrophen ist diese Erfindung für schnelle Notunterkünfte Gold wert. Da keine NGO Interesse an dem Projekt hatten, setzte Gerhard Dust seine Bauinnovation dann einfach selber um und gründete das Unternehmen PolyCare Research Technology. Gebaut wird mittlerweile nicht mehr nur auf Haiti, sondern auch in Namibia und weiteren Entwicklungsländern. Ein zu alt zum Gründen gibt es für Gerhard Dust im Übrigen nicht. „In meiner Jugend war man in diesem Alter alt, heute nicht mehr.“

Lebensmittellügen entlarven: Thilo Bode macht es vor

Was wissen wir über das Essen auf unserem Teller? Wer setzt sich für die Verbraucher im Lebensmittelbereich ein? Vielen kommt da sicherlich der Verein foodwatch in den Sinn, der schon die ein oder andere Werbelüge in diesem Bereich entlarvte. Was die meisten nicht wissen: Auch hier steht ein Senior an der Spitze. Der 73-jährige Thilo Bode gründete vor bereits 18 Jahren den gemeinnützigen Verein und wurde ebenso von der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Ausgelöst vom BSE-Skandal beklagt Bode mit foodwatch seitdem die fehlende Transparenz in den Supermarktregalen. Sein Motor ist Leidenschaft, wie er selber feststellt. Ruhestand kommt für den Volkswirt daher noch lange nicht in Frage. Mit 40.000 Mitgliedern hat der Verein mittlerweile nicht nur unternehmerische Unabhängigkeit erreicht, sondern erzeugt auch großen Druck im Verbraucherschutz.

Keine einsamen Senioren mehr dank Elke Schilling

Die einzige Frau beim 60plus Gründerpreis ist Elke Schilling. Die 75-Jährige startete vor zwei Jahren die Telefonhotline Silbernetz für einsame ältere Menschen. Zwischen 8 und 22 Uhr können Rentner jederzeit kostenlos anrufen, wenn sie jemanden zum Reden brauchen. Schilling erkannte Alterseinsamkeit schon früh als wachsendes gesellschaftliches Problem und wollte nicht länger untätig bleiben. Durch die Corona-Krise sprengte ihr Angebot über Nacht die Berlingrenze und wurde zum bundesweit gefragten Netzwerk. Da über 60-Jährige zur Risikogruppe gehören, durften viele ihr Zuhause nicht mehr verlassen und die Isolation verstärkte sich. Mit ihrem Silbertelefon schafft die Unternehmerin zusätzlich Arbeitsplätze für ältere Menschen mit Behinderungen oder Langzeitarbeitslose. Schillings größte Motivation ist ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn wie sie selbst sagt: „Ich kann es nicht aushalten, nicht zu helfen, wenn Hilfe gebraucht wird.“

Die Überlebenschancen der Ärzte austricksen: Bernhard Krahl macht es vor

Einen besonders beeindruckenden Lebensweg zeigt der vierte Gewinner des Körber-Preises. Der 73-jährige Bernhard Krahl blickt auf zwei Schlaganfälle 2007 zurück. Diagnose: Bett oder bestenfalls Rollstuhl. Die Ärzte räumten dem ehemaligen Zahnarzt damals eine Überlebenschance von maximal zehn Prozent ein. Dass er als austherapiert galt und ihm nun lediglich Pflege bis zum Tod zustand, empfand Krahl als unerhörte gesundheitspolitische Lücke. Anstatt sich seinem Schicksal zu ergeben, kämpfte er sich ins Leben zurück und machte schon vier Wochen nach den Schlaganfällen wieder die ersten Schritte dank einer modernen Reha-Einrichtung in Portugal.

Schnell war klar, dass der ehemalige Mediziner auch anderen Schwerstkranken auf diese Weise helfen will. Zusammen mit seiner Frau baute er anschließend das Therapiezentrum Ambulanticum Herdecke auf. Mit modernster Ausrüstung und einem interdisziplinären Fachteam spezialisiert sich die ambulante Klinik seither auf schwere neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Schädelhirntraumata. Durch die robotik-gestützten Therapiegeräte werden vor allem Querschnittsgelähmte behandelt. Stolz blickt der 73-Jährige heute auf sein Lebenswerk, das bereits vielen Patienten aus verschiedenen Ländern geholfen hat. Fremdfinanzierung und Investoren wollte Krahl im Übrigen nie mit an Bord haben. Er haftete mit seinem privaten Vermögen, um immer unabhängig bleiben zu können.

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