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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 25.10.2016 Drucken

Altern im Zeitraffer

Stylisch und hip. Entworfen und gebaut werden Häuser und Städte der Neuzeit überwiegend von der jüngeren Generation. Immer mehr Ältere werden aber künftig darin wohnen.

Ihren Bedürfnissen muss Bauen im demografischen Wandel zunehmend Rechnung tragen. Damit ist nicht nur Barrierefreiheit gemeint. Was über Baunormen hinaus alles noch dranhängt, wie es sich anfühlt, alt und gebrechlich zu sein, ist theoretisch kaum zu vermitteln und für jüngere Semester auch nicht gerade ein Top-Thema. Wer jedoch wie Dresdner Architekturstudenten mit Instant Aging testweise „im Zeitraffer gealtert“ ist, denkt anders darüber. Ein Gespräch über die Herausforderungen des generationengerechten Bauens und innovative Lehrmethoden, die dem gerecht werden, mit Professorin Gesine Marquardt, Lehrstuhlinhaberin Sozial- und Gesundheitsbauten an der TU Dresden.

Altern im ZeitrafferDownaging. Immer älter werden, sich aber immer jünger fühlen. Mittlerweile ein Trend. Mit Instant Aging setzen Sie im Architekturstudium auf das Gegenteil und lassen Ihre Studenten im wahrsten Wortsinn „alt aussehen“. Was steckt dahinter?

Ganz gleich, was er plant: Jeder Architekt, der ins Berufsleben eintritt, wird mit Bauen im demografischen Wandel zu tun haben. Dabei stellt sich die Frage: Wie kommen wir zu besseren Entwürfen, die berücksichtigen, dass die Gesellschaft insgesamt älter wird? Wie sensibilisiert man angehende, aber auch gestandene Architekten für ein Thema, das mit Vorurteilen, Ablehnung und Desinteresse behaftet scheint? Dafür nutzen wir im Studium, aber auch in der Aus- und Weiterbildung, seit einiger Zeit Alterssimulationsanzüge. Sie sind so „gestrickt“, dass ihr Benutzer Alterseinschränkungen nachempfinden kann, die ein 70- oder auch 90-Jähriger hat.

Altern im Zeitraffer. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

In der Medizin sind solche Anzüge bereits bekannt und schon etabliert. Angehende oder praktizierende Mediziner werden so beispielsweise in den USA im Umgang mit älteren Patienten geschult, lernen, sich in deren Bedürfnisse einzufühlen, Empathie zu entwickeln. Das haben wir für unsere Zwecke adaptiert. Ergänzend zu den Rollstühlen, in denen unsere Studenten die gebaute Umwelt nochmals aus anderer Perspektive beurteilen lernen und auch das im Video festhalten. Allerdings: Den Fokus nur darauf zu legen, reicht nicht aus.

Rollstuhlgerecht beziehungsweise barrierefrei gilt doch aber als erstrebenswertes Ideal?

Der Rollstuhl ist auch das Hilfsmittel, was uns Architekten am meisten herausfordert. Man kann nicht überall Stufen hinsetzen, es kann jedoch auch nicht überall ein Aufzug sein. Wegen des Alters kommt man üblicherweise aber nicht in den Rollstuhl. Wenn überhaupt, zumeist erst in sehr hohem Alter und damit in einer Lebensphase, die von Pflege geprägt ist.

Dann ist man mit dem Rollstuhl auch nicht mehr mobil unterwegs.

So ist es. Viel häufiger sind im Alter Seh- und gewisse körperliche Einschränkungen. Irgendetwas geht nicht mehr ganz so gut: Man kann sich nicht mehr so leicht strecken, Treppen nicht mehr so leichtfüßig nehmen. Es wird alles etwas anstrengender. Auch mit dem Hören klappt es nicht mehr wie in jungen Jahren. Um angehenden Architekten das Thema Planen für Ältere zu vermitteln, haben wir dieses neue Modul entwickelt. Wenn man außerdem eigene Eindrücke, beispielsweise aus dem Verwandtenkreis, hat, sind die natürlich auch viel wert. Aber das Systematische mit einem Bezug zur Bauaufgabe: Was muss ich beim Entwurf alles abklopfen? Das lernt sich am besten mit einer solchen Herangehensweise.

„Die Einschränkungen ergeben eine andere Beziehung zur Umwelt.“

Wie muss man sich den Alterssimulationsanzug vorstellen? Passt der Vergleich mit einer Ritterrüstung?

Das wäre eine relativ weiche Ritterrüstung. Aber Sie haben schon nicht ganz Unrecht, es gibt mehrere Elemente. Man trägt eine Weste mit mehreren kleinen Taschen, in die Gewichte gesteckt werden. So dass man merkt: Es geht alles schwerer infolge schwindender Muskelkraft. Dazu kommen Gewichte, die mit Klettverschlüssen wie Bandagagen um Arme und Beine gelegt sind. Das Bein locker anheben und hochsteigen geht eben nicht mehr so gut. Mit Gewichten um die Hüfte kann man sich nicht mehr so gut drehen.

Das ist die Beweglichkeit, was ist mit Sehen und Hören?

Die Testperson setzt sich auch eine Brille auf. Verschiedene Fehlsichtigkeitsmodelle simulieren dabei typische Alterserscheinungen wie beispielsweise Retinopathie, die oft mit einer Diabetes einhergeht, oder auch die typische Vergilbung im Alter. Man sieht gelblicher und gleichzeitig auch etwas schlechter. Dazu gibt es noch den Hörschutz auf, der die Hochtöne rausnimmt. Hochtonfrequenzschwerhörigkeit ist auch eine typische Alterserscheinung. In Summe dieser Einschränkungen ergibt sich letztlich auch eine andere Beziehung zur Umwelt.

Inwiefern ändert das Alter auch das Verhältnis zur Umwelt?

Wer eine Weile in diesem Anzug steckt, merkt auf einmal, wie viel mehr man plötzlich sehr stark mit sich selber zu tun hat. Man nimmt deshalb auch weniger auf, was hier und da und dort passiert. Man kann die Informationen, die auf uns einstürmen, auch nicht so schnell verarbeiten, wie es im jüngeren Alter möglich ist. Das dauert alles, weil man eben mit sich selbst und seinem Körper auf einmal so sehr beschäftigt ist. Dieser kognitive Aspekt, der erst durch den Anzug überhaupt nachvollziehbar wird, überrascht die Studenten am meisten.

„Ältere brauchen mehr Kontraste in der Umwelt.“

Vor welchen ungeahnten Hürden stehen Ältere im Alltag in der gebauten Umwelt? Was haben die Studenten da erkannt? Inwiefern muss umgebaut werden?

Es ist die Summe vieler kleiner Details, die große Probleme erzeugen. Zwei Dinge, die gut geändert werden könnten, ohne dass großartig umgebaut werden muss: Man muss sich unterwegs auch mal hinsetzen und Pause machen können. Das ist in unseren Städten, in Einkaufszentren, Supermärkten generell noch ein Problem. Man befürchtet Vandalismus. Aber es gibt ja auch einfachere Lösungen als Bänke. Was die Stadtplanung in diesem Zusammenhang stärker berücksichtigen muss, sind die Wege, auf denen die Menschen zu Haltestellen oder Supermärkten laufen. Wie lang ist dieser Weg? Wo gibt es die nächste Sitzgelegenheit, wo ist eine Toilette? Auch an der Kontrastgebung müssen gerade wir als Architekten mit Blick auf die älteren Jahrgänge noch arbeiten.

Ist das als Selbstkritik der Architektengilde zu verstehen?

Durchaus. Wir Architekten mögen Grauwerte und finden Abstufungen Grau in Grau auch sehr schick, vielleicht noch in Kombination mit einer zweiten Farbe. Ältere brauchen aber mehr Kontraste in der Umwelt, um besser sehen zu können und sich sicher zu fühlen. Ob das nun Treppen, Ampelmasten oder Straßenschilder sind. Hier müssen wir auch zu ästhetischen Änderungen finden, mit denen wir in einer alternden Gesellschaft alle gut leben können. Das macht diesen Bereich – entgegen weit verbreiteter Klischees – eben auch spannend. Sich Bauaufgaben für den demografischen Wandel zu widmen – und das auch mit einer schönen Ästhetik und einer Bejahung – das wollen wir angehenden Architekten vermitteln. Weg von einem „Herrje! Wenn es denn sein muss“. Das ist für uns der wichtigste Punkt.

„Barrierefreies Bauen ist nicht grundsätzlich teurer.“

Neu kann man gleich barrierefrei bauen. Nachbessern – auch im Wohnungsbestand – dürfte ungleich schwieriger sein. So oder so, teurer wird es auf jeden Fall.

Sicher, man muss zusätzliches Geld in die Hand nehmen. Dass barrierefreies Bauen grundsätzlich zu teuer ist, diese Ansicht teile ich so jedoch nicht. Natürlich geht nicht, alles auf einmal anzupassen. Es lässt sich mit einbinden, wenn das Gebäude ohnehin frisch gestrichen werden muss, die Treppen erneuert oder der Eingangsbereich verändert werden müssen. In Gestalt eines Masterplans wäre bei jeder Maßnahme darüber nachzudenken: Wie könnte man das Haus zugleich noch ein Stück barrierefreier machen? Da sind durchaus auch Kosten dabei, die in den Sowieso-Kosten des Bauens verschwinden.

Wie sieht es beim Neubau aus?

Hier besagen Studien: Die Baukosten liegen gegenüber einem nichtbarrierefreien Neubau um ca. zwei bis drei Prozent höher. Im Verhältnis dazu, wie die Gesellschaft altert, ist das ein gutes Investment. Außerdem: Wo der Rollstuhl durchkommt, kommt der Kinderwagen genauso durch, sage ich meinen Studenten. Altersgerecht bauen schließt generationengerechtes Bauen ein. Die Schnittmengen sind sehr, sehr groß.


Gesine MarquardtProf. Dr.-Ing. Gesine Marqardt, Lehrstuhlinhaberin Sozial- und Gesundheitsbauten an der Fakultät für Architektur an der Technischen Universität Dresden. „In meinem Architekturstudium hat das Thema demografischer Wandel keine so große Rolle gespielt“, sagt sie. Den Anstoß, sich eingehender damit zu beschäftigen, gab ein Praktikum, das sie zum Krankenhausbau führte. „So kam eins zum anderen.“ Die Wissenschaftlerin setzt sich dafür ein, die Altersforschung in den nächsten zehn Jahren fest an Architekturfakultäten in Deutschland zu etablieren.

 


 

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