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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 21.9.2015 Drucken

Konsum im Alter – was ändert sich?

Inwiefern unterscheiden sich Rentner in ihrem Konsumverhalten von Erwerbstätigen? Wie entwickelt sich das Konsumverhalten im hohen Alter? Was ergibt sich daraus für die Altersvorsorge?

Diesen und ähnlichen Fragen geht das DIA nach. Daher sprachen wir mit Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Melanie Lührmann, die sich intensiv mit der Ökonomie des Alterns beschäftigt,  über den aktuellen Stand der Forschung.

Melanie Lührmann - Konsum im Alter - was ändert sich?Was besagt die sogenannte Lebenszyklustheorie und welche Unterteilungen nimmt sie vor?

Der Kern der Lebenszyklushypothese ist die intertemporale Optimierung. Das heißt, dass Individuen nicht in jedem Lebensjahr einfach ihr Einkommen vollständig für ihren Konsum ausgeben, sondern langfristig denken. Sie wollen über ihre Lebenszeit hinweg ihren Konsum glätten, um in jeder Periode denselben Nutzen zu erhalten. Erwarten sie zum Beispiel, dass ihr Einkommen über die Zeit real steigen wird, dann könnten sie sich in früheren Jahren verschulden, um ein höheres Konsumniveau zu erreichen. Diese Hypothese spielt eine wichtige Rolle, insbesondere in der Altersvorsorge. Teilt man die Lebenszeit vereinfacht in zwei Phasen auf, Arbeitszeit und im späteren Lebensabschnitt Rente, dann sparen Individuen während ihrer Arbeitszeit, in der sie Einkommen erwirtschaften, um auch im Alter, also nach Ende der Arbeitsphase, ihr Konsumniveau halten zu können. Ökonomen nennen dies Konsumglättung. Sie ist eine zentrale Funktion aller Rentensysteme.

Erwartet man, dass Individuen sich verhalten, wie im Lebenszyklusmodell postuliert, dann sollte es im Lebenszyklus keine abrupten Schwankungen im Konsum geben – es sei denn, Individuen erleiden sogenannte Schocks, also unvorhersehbare Ereignisse wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit, die dazu führen, dass entweder die Einkommensentwicklung nicht so verläuft wie erwartet, oder ein unerwartet erhöhter Konsumbedarf entsteht, zum Beispiel durch Gesundheitsausgaben.

„Wenn der tägliche Gang zur Arbeit wegfällt, entfallen Ausgaben für Pendeln, Mittagessen außer Haus und Arbeitskleidung.“

Aber verhalten sich Menschen wirklich so, wie im Modell postuliert?

Ökonomen waren zunächst sehr erstaunt, als sie in Mikrodaten sahen, dass der Konsum deutscher Haushalte – und auch der in anderen Ländern wie Italien, USA und Großbritannien – bei Renteneintritt deutlich sank. Dies ist das sogenannte “retirement consumption puzzle”. Erstaunt waren sie, weil dies der Lebenszyklushypothese zu widersprechen schien. Der Zeitpunkt des Renteneintritts ist in aller Regel geplant, also keine Überraschung. Daher sollten Individuen gespart haben, um ein plötzliches Absinken ihres Konsums zu verhindern.

Daher untersuchten die Forscher dieses Phänomen genauer. Sie fanden heraus, dass sich aufgrund sogenannter Nicht-Separabilität von Konsum und Arbeit bzw. Freizeit einige Änderungen im Konsumbedarf bei Renteneintritt ergaben. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Wenn der tägliche Gang zur Arbeit wegfällt, entfallen unter Umständen auch damit verbundene Konsumausgaben für das tägliche Pendeln, Mittagessen außer Haus und Arbeitskleidung. Gleichzeitig steigt die Freizeit deutlich an. Ein Teil dieser zusätzlichen Zeit kann dazu verwendet werden, um Ausgaben für Konsum durch Eigenproduktion von Konsum zu ersetzen.

Aguiar und Hurst haben in einer Studie zum Beispiel gezeigt, dass verrentete Haushalte mehr Zeit für die Suche nach günstigen Einkaufsmöglichkeiten aufwenden. Ich habe in meiner Studie für Deutschland zeigen können, dass die Hausarbeit deutscher Haushalte bei Renteneintritt um 89 Minuten pro Tag stieg, eine Veränderung, die 21 Prozent der Gesamtzeit für Hausarbeit beträgt.

Solche Veränderungen sind ganz im Sinne der Lebenszyklushypothese. Haushalte optimieren dann ihren Konsum und ihre Freizeit gleichzeitig. Das Konsumniveau sinkt also nicht ab, auch wenn ein Rückgang der Konsumausgaben beobachtet wird.

Was wären weitere Erklärungsansätze?

Forscher fanden auch heraus, dass manche Haushalte tatsächlich ihr Konsumniveau dauerhaft reduzieren mussten, weil sie die zuvor genannten Schocks erlitten. Erleidet jemand beispielsweise mit Mitte 50 einen Schlaganfall oder Herzinfarkt, der früher als geplant den Rentenbeginn erzwingt, dann muss das Konsumniveau der nunmehr geringeren Rente angepasst werden. Dass der Rückgang der Konsumausgaben in einer solchen Situation stärker ist, hat Smith anhand von britischen Daten gezeigt. In solchen Fällen spielt die soziale Absicherung, etwa durch die Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung eine wichtige Rolle, denn sie kann Individuen zumindest teilweise gegen solche unerwarteten Schocks  versichern.

In Ihrer Analyse „Consumer Expenditures and Home Production at Retirement – New Evidence from Germany“ haben Sie basierend auf den Zahlen der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) zwischen 1978 und 1998 gezeigt, dass die Konsumausgaben neuer Rentner in Deutschland um 17 Prozent niedriger sind als die von Erwerbstätigen kurz vor Renteneintritt. Glauben Sie, dass man eine solche Abnahme auch heute feststellen könnte?

Wie stark die Konsumausgaben bei Renteneintritt absinken, hängt unter anderem stark davon ab, wie hoch die Ersatzquote zwischen dem Arbeitseinkommen und der Rente ist, denn sie beeinflusst die Substitution zwischen Freizeit und Konsum. Es ist also nicht notwendigerweise so, dass die Konsumausgaben für alle Kohorten um  17 Prozent sinken.

In Spanien beispielsweise, einem Land mit einem sehr großzügigen Rentensystem, zeigen Lluengo-Prado und Sanz in einer Studie aus dem Jahr 2013, dass lediglich die Ausgaben für Essen sanken, weil Haushalte mehr Zeit für Kochen (zusätzliche 46 Minuten pro Tag) und mehr Zeit für preiswertes Einkaufen (zusätzliche 40 Minuten pro Tag) aufwanden. Die Gesamtkonsumausgaben sanken jedoch dort nicht.

Allerdings sind, wie gesagt, die Konsumausgaben nicht allein entscheidend. Wenn Haushalte flexibel zwischen ihrem Zeitbudget und ihrem Konsumbudget optimieren, um ihren Nutzen im Alter zu erhalten, ist ein Absinken der Konsumausgaben aus sozialpolitischer Sicht nicht bedenklich. Unter Umständen halten sie ihr Konsumlevel bei sinkenden Ausgaben durch Eigenproduktion, oder sie ersetzen den Konsum von Gütern teilweise durch den Konsum von mehr Zeit. Da viele Studien zeigen, dass Haushalte flexibel optimieren, gilt das ursprüngliche Puzzle als gelöst. Als problematisch gilt lediglich, wenn unerwartete Schocks dazu führen, dass Haushalte gezwungen sind, ihr Konsumniveau in Alter zu reduzieren. 

„Haushalte verschieben ihren Konsum im Alter hin zu Unterhaltungsgütern und Haushaltsdienstleistungen.“

Sie haben in der genannten Analyse versucht, die Abnahme der Konsumausgaben mithilfe eines 33%igen Anstiegs in der Eigenproduktion laut der Zeitbudgeterhebung in den Jahren 1991/92 und 2001/02 zu erklären. Können Sie etwas zu aktuellen Tendenzen sagen?

Mir ist keine Studie bekannt, die neuere Zahlen für Deutschland liefert. Eine neuere Studie von Velarde und Herrmann, basierend auf den Zeitverwendungsdaten 2001/02, kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie meine Studie aus dem Jahr 2009. Da die meisten Deutschen nach wie vor um das 65. Lebensjahr in Rente gehen, kann man als erstes Indiz eine sehr grobe Zahl des Statistischen Bundesamtes benutzen. In der Zeitverwendungsstudie 2012/13 ist Folgendes zu beobachten: Während die durchschnittliche Zeit mit Hausarbeit in der Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahren im Durchschnitt drei Stunden und 19 Minuten beträgt, steigt sie in der Altersgruppe ab 65 Jahren, also in einer Altersgruppe, die mehrheitlich verrentet ist, auf über vier Stunden.

Verändert sich, abgesehen vom Rentenbeginn, das Konsumverhalten im Alter weiter? Glauben Sie, dass es altersbedingte Stadien gibt, in denen sich das Konsumverhalten älterer Menschen wandelt?

Aguiar und Hurst (2008) zeigen anhand von US-amerikanischen Daten, dass Haushalte im Alter einen größeren Anteil ihres Geldes für Unterhaltung ausgeben – sie verändern also auch andere Aspekte ihres Konsumverhaltens. In zwei Studien – basierend auf englischen und deutschen Mikrodaten – habe ich diese Konsumveränderungen über den Lebenszyklus untersucht und finde ganz ähnliche Muster. In der Studie „Wirtschaftsmotor Alter“ für das Familienministerium zeige ich zusammen mit anderen Forschern und Roland Berger, dass Haushalte ihren Konsum im Alter zu Unterhaltungsgütern und  zu Haushaltsdienstleistungen verschieben  und einen höheren Anteil ihres Geldes für ihre Gesundheit ausgeben. 

In einer alternden Gesellschaft sollte man sich daher nicht nur auf Konsumveränderungen zum Zeitpunkt des Renteneintritts konzentrieren, sondern auch Konsumveränderungen über die gesamte Ruhestandsphase betrachten. Nur so kann man eine Zukunftsvision des Konsums in Deutschland entwickeln. Moderne Rentner empfinden die Phase nach dem Arbeitsleben oft als eine aktive Lebensphase, in der sie ihre Freizeit aktiv gestalten wollen. Gleichzeitig kann es sein, dass ab einem gewissen Alter gesundheitliche Beschwerden und Mobilitätsbeschränkungen oder der Verlust von Partner und Freunden ein aktives Sozialleben erschweren. Zudem kann Dienstleistungen im Haushalt sowie Gesundheitsausgaben ein stärkeres Gewicht zukommen. Es gibt bislang nur wenige Studien, die sich mit dem Konsum im Alter und mit dem Zusammenhang zwischen Gesundheit und Konsum beschäftigen. 

Diesen Zusammenhang habe ich zusammen mit Thomas Crossley und Martin Browning anhand von britischen Daten untersucht. Wir wollten wissen, ob im Alter der Konsum von langlebigen Gütern abnimmt, und haben das am Beispiel von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten untersucht. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass die Ausgaben für diese Güter nicht mit dem Alter abnahmen, für Unterhaltungselektronik sogar stiegen. Unsere Analyse zeigte zudem bei schlechtem Gesundheitszustand einen Anstieg der Ausgaben für Unterhaltungselektronik, die den Freizeitkonsum zu Hause erhöht.

Glauben Sie, dass es weitere Faktoren gibt, nach denen man das Konsumverhalten im Alter kategorisieren könnte? Wenn ja welche?

Ich denke, dass Gesundheit, Mobilität und soziale Interaktion für glückliches Altern eine wichtige Rolle spielen. Hier könnten lokale Gegebenheiten, das soziale Umfeld und die Verfügbarkeit sozialer Dienste entscheidend sein, insbesondere wenn der Alterungsprozess den Bedarf für Unterstützung im Haushalt erhöht und Einschränkungen in der Mobilität bedeutet.

Allerdings sind ältere Menschen heutzutage oft gesundheitlich fit und möchten diese Lebensphase aktiv nutzen. Diese Heterogenität  zwischen älteren Menschen sollten wir daher berücksichtigen, wenn wir ihr Konsumverhalten verstehen wollen.

Die Fragen stellte Simon Spendler.


Dr. Melanie Lührmann studierte in Mannheim und Berkeley. Sie promovierte an der Universität Mannheim. Seit 2009 forscht sie am International Fiscal Institute in London und als Fellow am Munich Institute for the Economics of Aging innerhalb des Max-Planck-Instituts. Seit 2009 ist sie außerdem als Dozentin an der Royal Holloway University in London tätig.


 

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