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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 27.10.2015 Drucken

Deutschland schrumpft und altert

Szenarien für Deutschlands Demografie werden regelmäßig vorgestellt.

Doch wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch so eintreten wie beschrieben? Ein Experte des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hat sich verschiedene Studien angesehen und deren Eintrittswahrscheinlichkeit untersucht. Sein Fazit: Es besteht keinen Anlass für Panik, aber genug Grund zur Sorge.

Deutschland ist für Demografen ein besonders interessantes Land: es altert immer weiter, außerdem verharrt in keinem anderen Land die Geburtenrate über so lange Zeiträume auf so niedrigem Niveau. Doch beide Prozesse – Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung – werden in der öffentlichen Debatte gern durcheinander geworfen. Dabei haben sie nicht nur andere Ursachen, sondern auch unterschiedliche Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Wirtschaft und natürlich auch in (sozial)politischer Dimension.

Welche Folgen ergeben sich für die deutsche Bevölkerung, wenn Alterung und Geburtenrate so bleiben, wie sie sind? Der Studienautor kommt mit Blick auf die sozialen Sicherungssysteme unserer Gesellschaft zur Annahme, dass die gravierenden Auswirkungen vornehmlich von der Alterung ausgehen. Wegen der lang anhaltenden Phase mit niedrigen Geburtenraten verdoppelt sich die Zahl der Rentenempfänger im Verhältnis zum erwerbsfähigen Teil der deutschen Bevölkerung (Altenquotient) bis zum Jahr 2040 ungefähr. Das liegt zum einen daran, dass demnächst  geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand wechseln. Weder eine ansteigende Geburtenrate noch verstärkte Zuwanderung können daran etwas ändern. Wie sich der gegenwärtige Zustrom an Flüchtlingen quantitativ und qualitativ auswirkt, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht beschreiben.

Doppelter Beitragssatz oder halbes Rentenniveau?

Was diese Veränderung des Altenquotienten für die Gesetzliche Rentenversicherung bedeutet, macht der Autor an einer simplen Modellrechnung deutlich: Verdoppelt sich dieser Quotient, müsste sich damit auch der Rentenbeitragssatz verdoppeln. Alternative: Soll der Beitragssatz stabil bleiben, müsste im Gegenzug das Rentenniveau halbiert werden. Eine andere Lösung bestünde darin, das Renteneintrittsalter auf 75 Jahre anzuheben, um sowohl Rente wie Beitragssatz stabil zu halten. Welches Szenario jedoch wäre davon wünschenswert beziehungsweise durchsetzbar? Wohl keines. Also müssen andere Ansätze her, die teilweise schon angepackt wurden, zum Beispiel die Anhebung des Renteneintrittsalters oder eine höhere Erwerbsquote der Frauen. Die Frage jedoch bleibt, ob mit derlei „Teilreparaturen“ eine weitere Erhöhung des Beitragssatzes, wie sie übrigens laut Autor seit 1953 immerhin 27mal vorgenommen wurde, vorerst ausgeschlossen werden kann.

Anteil der über 80-Jährigen verdreifacht sich bis 2060

Doch nicht allein der Altenquotient wird sich erhöhen, auch der Anteil der über 80-Jährigen, der sogenannten Hochbetagten, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit von fünf auf 14 Prozent im Jahr 2060 ungefähr verdreifachen.

Deutschland schrumpft und altertFür die Kranken- und Pflegeversicherung ergeben sich daher ähnliche Folgen wie für die Rentenversicherung. Hinzu kommt das Problem der fehlenden Pflegekräfte und Pflegeplätze. Die Auswirkungen werden vermutlich nicht ganz so drastisch ausfallen, weil die Rentner auch selbst in die Krankenkasse einzahlen und Rentenjahre nicht mehr – wie noch in früheren Jahrzehnten – mit Pflege- oder Krankheitsjahren gleichzusetzen sind. Immer mehr Menschen behalten ihre Vitalität auch im höheren Alter.

Alles in allem rechnet der Studienautor aber damit, dass ab 2030 für mehrere Jahrzehnte die Leistungen aus der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung deutlich geringer sein werden und zunehmend Altersarmut zu befürchten ist. Aber auch die erwerbsfähige Bevölkerung werde mit großer Wahrscheinlichkeit zukünftig einen sehr viel größeren Anteil ihres Lohnes an die sozialen Sicherungssysteme abführen müssen.

Bei der Schrumpfung wiederum ist von Belang, wo die Einwohnerzahlen abnehmen. Neben weiterhin wachsenden Zentren und Regionen mit sehr hohen Mieten entstehen gleichzeitig entvölkerte Gebiete. Letztere stellen die kommunalen Träger vor große Herausforderungen: Können Versorgung und kommunale Dienste auf dem bisherigen Niveau gehalten werden? Wie wirken sich die zunehmende Singularisierung der Gesellschaft, wachsender Leerstand bei Wohn- und Gewerbeimmobilien und schrumpfende Einwohnerzahlen auf städtische und ländliche Regionen aus? Die Dynamik dieser Prozesse hängt wesentlich von der künftigen Geburtenrate ab. Diese ist jedoch – nicht zuletzt durch die derzeit ungewöhnliche Migration – im Unterschied zur Alterung weniger sicher vorherzusagen. Ob die Schrumpfung zwischen 2040 und 2060 weiter zunimmt oder sich etwas entschärft, wird durch die Migration und die Geburtenrate beeinflusst. Die Annahmen in den vorliegenden Studien sind weit gefächert. Je nach Szenario gehen sie davon aus, dass die Bevölkerung um bis zu 24 Prozent auf 61 Millionen Menschen schrumpfen oder aber konstant bleiben könnte.

Frankreich und Großbritannien überholen Deutschland

Das könnte auch außenpolitisch Bedeutung erlangen, denn damit verschieben sich nicht nur Bevölkerungszahlen, sondern auch der europäische und damit geopolitische Stellenwert. Im Machtgefüge Europas könnte sich einiges ändern – in einem bereits absehbaren Zeitraum.

Deutschland schrumpft und altertSo werden schon in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Frankreich und Großbritannien Deutschland, das bisher größte EU-Land, bei der Einwohnerzahl überholen. Die Türkei könnte im Jahr 2100 sogar dreimal so viele Einwohner haben wie Deutschland.

Als Fazit schlussfolgert der Autor, Martin Bujard, dass der demografische Wandel somit weder ein Glücksfall sei, wie gelegentlich pauschal behauptet wird, noch sich zu einer Katastrophe entwickeln muss, wie sie vielfach heraufbeschworen wird. Zumindest die Alterung ist für die nächsten Jahrzehnte nicht mehr abzuwenden. Doch deren Folgen für Wirtschaft, Rente und Gesundheit, aber auch für die politische Partizipation der Deutschen oder beispielsweise für den Generationenvertrag lasse sich politisch durchaus beeinflussen.


Veröffentlichung im Newsletter „Demografische Forschung“; Herausgeber: Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Newsletter 03/2015


 

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