Nachricht an die Redaktion

Ihre Nachricht an uns


Mit * markierte Felder, sind Pflichtfelder

DIA Update

Abonnieren Sie den kostenlosen
Newsletter des DIA .

Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 7.2.2017 Drucken

Todesursache: früher Renteneintritt

Wissenschaftler am Institut für Rentenforschung des Boston College haben bei Männern einen Anstieg der Sterblichkeitsraten nach dem Erreichen des frühestmöglichen Rentenalters von 62 gefunden. Diese Zunahme scheint auf den Alltag ohne Arbeit zurückzuführen zu sein.

Ist es möglich, dass man aufgrund seines Renteneintritts früher stirbt? Maria Fitzpatrick und Timothy Moore vom Zentrum für Rentenforschung in Boston haben untersucht, welchen Einfluss der Renteneintritt auf die Gesundheit von US-Amerikanern hat.

erhöhte Sterblichkeit bei frühem RenteneintrittSpeziell haben sie analysiert, ob sich Sterblichkeitsraten beim Renteneintritt im Alter von 62 überproportional verändern. Die Studie basiert auf Daten des Nationalen Zentrums für Gesundheitsstatistik der USA. Das Erreichen des Alters 62 stellt in den USA den frühestmöglichen Zeitpunkt dar, zu dem man Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen hat. Obwohl der frühe Renteneintritt mit erheblichen finanziellen Abschlägen verbunden ist, hört ungefähr ein Drittel der US-amerikanischen Bevölkerung bereits dann auf zu arbeiten. Unter denjenigen, die Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen haben, liegt der Anteil noch höher.

Sterblichkeitsrisiko bei Männern um 20 Prozent höher

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich die Sterblichkeitsrate der gesamten männlichen Bevölkerung in den USA im Alter von 62 um zwei Prozent erhöht. Die Zahlen liegen allerdings bei den 62-jährigen Neurentnern deutlich höher. Männer, die mit 62 Sozialversicherungsleistungen beantragen und aufhören zu arbeiten, erhöhen demnach ihr Sterblichkeitsrisiko um 20 Prozent. Die Zunahme der Sterblichkeitsrate ist am höchsten bei unverheirateten Männern und solchen mit niedrigem Bildungsstand.

Das hat beträchtliche Auswirkungen auf die Lebenserwartung. Geht man davon aus, dass diese hohe Mortalitätsrate in den ersten Rentenjahren anhält, leben Männer, die mit 62 in Rente gegangen sind, im Schnitt drei Monate weniger als jene, die erst beim Erreichen des regulären Rentenalters (Full Retirement Age) von 66 ihre Arbeit niederlegen. Insgesamt könnte es sich sogar um eine Verkürzung der Lebenszeit um bis zu 1,5 Jahre handeln. Übrigens haben die Studienautoren ähnliche Tendenzen bei Frauen bemerkt. Diese Zahlen sind allerdings nicht statistisch signifikant, da sich die Erwerbsbeteiligung von Frauen beim Erreichen des 62. Lebensjahres nur gering verringert.

Die fehlende Arbeit macht krank

Woran kann es liegen, dass die Phase im Leben, die eigentlich zum Ausruhen von harter Arbeit gedacht ist, das Leben der Amerikaner verkürzt? Laut Moore und Fitzpatrick ist es ausgerechnet die fehlende Arbeit, die daran schuld sein soll. Das hat verschiedene Gründe. Zunächst verlieren viele Amerikaner nach Rentenantritt ihre bis dato arbeitgeberfinanzierte Krankenversicherung oder müssen für diese nun mehr bezahlen. Gleichzeitig verringert sich natürlich ohne Erwerbstätigkeit das monatliche Einkommen.

Aber auch das Fehlen der Arbeit selbst könnte negative Auswirkungen haben. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Männer sich generell nach dem Renteneintritt ungesünder verhalten. Sie haben zum Beispiel einen weniger geregelten Alltag und weniger Bewegung. Die Todesursachen mit dem deutlichsten Zuwachs unter den 62-Jährigen sind chronische Bronchitis und Lungenkrebs. Beide werden in der Medizin häufig mit dem Verlust des Arbeitsplatzes in Verbindung gebracht.

Bestätigung durch Untersuchungen in anderen Ländern

Studien in anderen Ländern scheinen den Ansatz, dass vor allem die Abwesenheit von Arbeit bei den Neurentnern für die erhöhte Sterblichkeitsrate verantwortlich ist, zu unterstreichen.  So gibt es verschiedene europäische Studien, die gezeigt haben, dass sich die Sterblichkeitsraten von Männern im ersten Jahr nach einem Arbeitsplatzverlust um 30 bis 80 Prozent erhöhen. Sowohl in Australien als auch in Pennsylvania gab es zudem Studien, die die Auswirkungen von Stellenverlusten auf die Mortalität von Industriearbeitern untersucht haben. Obwohl es sich in diesen Fällen um schwere körperliche Arbeit handelte, wurden wiederum erhöhte Sterblichkeitsraten festgestellt. Im Falle der Betriebsschließungen in Pennsylvania soll die Mortalität sogar noch 20 Jahre nach den Entlassungen 10 bis 15 Prozent höher gelegen haben.

Länger arbeiten, länger leben?

Wie geht man mit diesen höheren Sterblichkeitsraten um? Könnte wirklich längere Arbeit die Antwort sein, um das Leben der männlichen Amerikaner zu verlängern? Im Vergleich zu denjenigen, die erst später Anspruch auf ihre Sozialversicherung stellen, sind die 62-jährigen Rentner im Schnitt weniger gebildet, weniger gesund, weniger wohlhabend und hatten vorher häufig körperlich anspruchsvollere Berufe. Umso paradoxer ist es natürlich, dass ausgerechnet längeres Arbeiten potentiell das Leben dieser Menschen verlängern könnte.

Doch genau dieser Meinung sind Fitzpatrick und Moore. Ihr Lösungsansatz: den frühestmöglichen Sozialversicherungsanspruch in den USA weiter nach hinten schieben. Dies könnte die Lebenserwartung immerhin um mehrere Monate verlängern. Da es sich dabei natürlich um einen großen Schritt handelt, sollte nach Meinung der beiden das Arbeiten über das Alter 62 hinaus attraktiver gestaltet werden. In jedem Fall sind sie der Meinung, dass Amerikaner besser auf den Renteneintritt vorbereitet werden müssen. Es sei Aufgabe der Politik, Pensionäre nach dem Renteneintritt aktiver zu unterstützen.


Maria D. Fitzpatrick ist Dozentin für Politik und Management an der Cornell University. Sie promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der University of Virginia und war vorher an der Stanford University tätig.

Timothy J. Moore ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der George Washington University und unterrichtet momentan an der University of Melbourne in Australien. Er promovierte an der University of Maryland.

Das Zentrum für Rentenforschung am Boston College wurde im Jahre 1998 durch einen Zuschuss der Sozialversicherungsbehörde der USA gegründet. Das Zentrum hat das Ziel, die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft zum Thema Rente zu ermöglichen. Dazu werden u. a. Forschungsprojekte finanziert, neue Experten ausgebildet und Datenressourcen verfügbar gemacht. Zur Website des Instituts


 

Nachricht an die Redaktion

Senden Sie Hinweise, Lob oder Tadel zu diesem Artikel an die DIA Redaktion.

Nachricht an die Redaktion

Haben Sie Anmerkungen oder Fragen zu diesem Beitrag? Schreiben Sie uns gern! Wir freuen uns auf Ihre Nachricht.

Ihre Nachricht an uns


Mit * markierte Felder, sind Pflichtfelder

Artikel teilen

Ihre Nachricht am den Empfänger (optional)
Mit * markierte Felder, sind Pflichtfelder

Ausgewählte Artikel zum Thema
Buntstifte-schwarz-rot

Bildung wirkt lebensverlängernd

Die schon länger beobachteten Unterschiede der Lebenserwartung von gut und weniger gut Gebildeten nehmen weiter zu. Das sollte zum Nachdenken anregen, meinen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschungen. Der Zusammenhang ist unumstritten: Menschen mit höherer Bildung leben länger. Die Größe des Unterschieds und sein Wachstum dagegen überraschen schon. Die Lebenserwartung hochgebildeter Bevölkerungsschichten, darauf verweist der […]

Artikel lesen

Arbeit als "Lebensverlängerung"

Durch eine neue Studie bekommt der Begriff „Lebensarbeitszeit“ eine neue Note. Pauschal betrachtet gilt: wer länger arbeitet, lebt auch länger. Das trifft vor allem auf Männer zu. In der Diskussion um Flexi-Rente und vorzeitigen Renteneintritt kommt mit den Ergebnissen einer Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden […]

Artikel lesen