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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 8.11.2018 Drucken

Betagt, beklagt, verklagt – Athen und seine Alten

Altersvorsorge, Altersgrenzen, Altersarmut – viele Fragen drehen sich um das Alter. Doch was ist eigentlich das Alter und wann gilt man als alt?

Vielfältig und ganz unterschiedlich haben westliche Gesellschaften der letzten Jahrtausende auf diese Fragen geantwortet. Dabei zeigen schon wenige beispielhafte Entwicklungen und Perspektiven von Athen bis in unsere Zeit, dass unser heutiges Verständnis vom Alter nicht so universell und selbstverständlich ist, wie wir häufig annehmen oder vielleicht gerne hätten.

Alte in Athen„Wenn die Jugend vergeht, ist es besser, zu sterben als zu leben. Denn manches Unglück bemächtigt sich der menschlichen Seele: Zerstörung des Heims, Elend, Tod der Kinder, Gebrechen; es gibt niemanden, dem Zeus nicht in reichem Maße Unglück schickte. Wenn einmal das schmerzliche Alter da ist, das den Menschen hässlich und unnütz macht, so verlassen die bösen Sorgen sein Herz nicht mehr, und die Strahlen der Sonne spenden ihm keinen Trost.“

Denken wir an das alte Griechenland, kommen uns schnell Bilder von weisen Philosophen und Staatsmännern in den Sinn, vielleicht sogar unmittelbar Raffaels Gemälde „Die Schule von Athen“. Das vorangestellte Zitat des Mimnermos von Kolophon (um 600 v. Chr.) erweckt ein ganz anderes Bild. Das Alter bietet nichts Positives: man wird hässlich und unnütz, dazu verbittert und latent depressiv. Ihm stimmt auch Aristoteles zu, der die alten Menschen als kleingeistig, selbstverliebt, rücksichtslos, humorlos, schamlos und profitgierig beschreibt. Kurz: Mit dem Alter wird man zur Belastung für sich selbst und seine Umwelt. Doch wie kam es im alten Athen, anders als in Sparta, zu diesen Zuschreibungen?

Das Gesetz sah Altenfürsorge vor

Von Athener Bürger wurde grundsätzlich erwartet, ältere Menschen gut zu behandeln. Bei Vernachlässigung, selbst über den Tod hinaus (Stichwort Grabespflege), drohte sogar der Entzug der Bürgerrechte. Dass es zum Gesetz wurde, spricht aber nicht unbedingt für die freiwillige und flächendeckende Anwendung der Altenfürsorge. Generell war die Pflicht zur angemessenen Fürsorge an das angemessene Verhalten der Alten gekoppelt. Platon, der das Alter als einer von wenigen Athenern durchaus positiv sieht, verlangt von ihnen im Gegenzug Engagement in Philosophie, Rechtsprechung, Lehre, Kultur und Politik. Auch wer seine Kinder nicht ordentlich erzogen hat, verliert seinen Anspruch auf spätere Gegenleistung.

Nur wenige Ältere in Ämtern

Hinzu kam, dass sich der athenische Stadtstaat spätestens seit der kulturellen Blütezeit Athens zwischen der Seeschlacht von Salamis (480 v. Chr.) und dem peloponnesischen Krieg (ab 431 v. Chr.) als jung, kräftig und dynamisch sah. Die Lebenserfahrung der Alten büßte zunehmend an Bedeutung ein, was sich durch die Verschriftlichung von Wissen und Bürokratisierung der Religion beschleunigte. Neben der privaten Wahrnehmung des Alters betraf dies vor allem auch die politische. Alte Menschen wurden sukzessiv aus der Politik gedrängt. Da nur fünf Prozent der Athener älter als 65 waren, gab es in der Volksversammlung und im Rat der 500 nur wenige Alte. Die Ämter wurden per Los verteilt, so fielen sie dementsprechend selten an ältere Athener.

Besitz ging zu Lebzeiten an die Kinder

„Alt“ zu sein, war keine kalendarische Einheit (auch mangels Geburtsregister), sondern Ausdruck von geistigem und körperlichem Verfall, häufig gepaart mit Besitzlosigkeit. Zu dem oben geforderten sittlichen Verhalten im Alter gehörte nämlich die Vorstellung, den eigenen Besitz noch zu Lebzeiten an die Kinder zu übergeben. Dies geschah häufig zu deren Familiengründung, als die Eltern rund 60 und die Kinder etwa 30 Jahre alt waren. Wollten die Eltern diesen Moment weiter hinauszögern, wie zeitgenössische Autoren empfahlen, konnten ihre Kinder sie vor Gericht mit Verweis auf „geistige Umnachtung“ entmündigen. Das wurde tatsächlich recht häufig versucht, gelang aber nicht immer.

An den prekären Rand gedrängt

Nach einer beruflichen Karriere in Politik oder Militär und dem Hinterlassen von Nachkommen galt die gesellschaftliche Aufgabe als erfüllt und in den Augen der Athener boten die Alten danach kaum weiteren Nutzen. Da der Status im alten Athen nahezu ausschließlich über Besitz bestimmt wurde, den sie bereits übertragen hatten, fanden sich alte Bürger nach Übergabe ihres Besitzstands nicht selten am prekären Rand der Gesellschaft wieder. Dort hingen sie vom Wohlwollen und der finanziellen Potenz der Kinder ab, da der Staat nur in Ausnahmen wie bei erfolgreichen Olympioniken oder Kriegsversehrten eine Versorgung sicherstellte.

Überspitzt formuliert wurde von ihnen die Einsicht verlangt, dass sie ihre kurze verbliebene Lebensspanne im Zweifel auch der jüngeren Generation opfern oder unterordnen müssen, wie es in Euripides‘ Drama Alkestis oder in den Schutzflehenden heißt: „Sie sollten, da sie doch keinen Nutzen mehr der Erde bringen, sterben und fortgehen und den Jungen nicht mehr im Wege stehen“ (1112f, Übersetzung nach Barusch 2003).

Wenig gesellschaftliche Teilhabe

Sicherlich gab es auch viele liebevolle Beziehungen zwischen alten Athenern und ihren Mitmenschen. Nicht immer wurden sie mit Verachtung gestraft. Diese Beobachtungen beziehen sich in erster Linie auf die Situation der freien Stadtbewohner. Die erhaltenen Aufzeichnungen sprechen aber dafür, dass die Athener Gesellschaft ihren Alten kaum gesellschaftliche Teilhabe oder Funktion zusprach. Das heißt nicht, dass sie völlig rechtlos waren. Wir wissen, dass der Sohn des Tragödiendichters Sophokles seinen Vater im Greisenalter entmündigen wollte. Vor dem Gericht trug dieser sein neuestes Werk vor, Ödipus auf Kolon, woraufhin das Gericht ihm völlige Geistesgegenwart attestierte. Aber nur die wenigstens hatten für solche Fälle immer noch eine selbstgeschriebene Tragödie als „Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte“ in der Hinterhand. Viele hätten vielleicht eher dem Chor in diesem Auszug aus Aristophanes‘ Acharnern zugestimmt:

“Wir, die hochbetagten Greise, ernstlich tadeln wir die Stadt:
richt wie das, was wir im Seekrieg Großes getan, verdient hat.
Hegt und pflegt man unser Alter? Nein wir leiden bitterschwer.
Denn ihr verstrickt uns alte Männer in Prozesse kreuz und quer.
Hebt den jungen Rednerbürschchen uns zum Hohngelächter her,
uns verlebt schon und verstummt, gleich alten Flöten abgenützt,
denen statt des Horts Poseidon nun der Stab ist, der sie stützt.“

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