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Kapitalmärkte und Kapitalanlagen

Die Börse im Blick: So wird investiert.

Kapitalmärkte und Kapitalanlagen | 25.7.2017 Drucken

Risiko mit drei Buchstaben – ETF

In der Kapitalanlage-Kolumne beschäftigen sich Vermögensverwalter mit Trends und Entwicklungen, die auch für die langfristige Altersvorsorge von Belang sind. So schildert Rainer Laborenz, was ihn an der Beliebtheit der Indexfonds stört.

Der im Juni markierte Dax-Rekord von 12.951 Punkten hat nicht nur bei all denjenigen Anlegern, die der alljährlichen sell-in-may-Legende auf den Leim gegangen sind, Verwunderung ausgelöst. Viele Anleger signalisieren zudem ein gewisses Unbehagen angesichts der erreichten Höchststände. Hand aufs Herz, irgendwie passt die aktuelle Kurs-Euphorie nicht wirklich zu dem, was wir alle fühlen.

Vermögensverwalter Rainer LaborenzInspiriert durch die täglichen Nachrichten sind wir eher verunsichert als optimistisch. An allen Ecken und Enden beobachten wir Überforderung und Kontrollverlust. Die Welt steht Kopf. Hätten Sie vor einigen Jahren gedacht, dass der Terrorismus derart zunimmt oder dass wir einmal Minuszinsen haben würden? Anleger lieben Berechenbarkeit, aber genau das hat die Welt 2017 nicht im Angebot.

In diesem Umfeld hat keine Anlageform in den vergangenen Jahren so rasant an Bedeutung gewonnen wie ETFs. Mehr als 3.000 Milliarden Euro sind weltweit in Indexfonds investiert. Bis zum Jahr 2020 wird sich nach Schätzungen des weltgrößten ETF-Anbieters Blackrock diese Zahl verdoppeln. Exchange-traded funds  (börsengehandelte Fonds) sind Investmentfonds, die in der Regel nicht über die emittierende Investmentgesellschaft, sondern an einer Börse gehandelt werden. Die meisten ETFs sind passiv verwaltete Indexfonds, beteiligen den Anleger also exakt an der Entwicklung des zugrundeliegenden Index.

Derivate statt Indexwerte

Wenn immer mehr Anleger sich in einem globalen Umfeld von Kontrollverlust und Unvorhersehbarkeit ausgerechnet für ETFs entscheiden, kann das meiner Meinung nach nur daran liegen, dass die Zusammenhänge nicht bekannt sind und die inhärenten Risiken unterschätzt werden. Die meisten der gehandelten ETFs haben nicht tatsächlich den Index als Bestandteil, sondern beliebige Wertpapiere und Derivate. Sie garantieren lediglich synthetisch die Rendite des Index. Das ist eine Riesen-Mogelpackung, weil hier mit derivativen Produkten etwas suggeriert wird, was tatsächlich nicht vorhanden ist.

Letztlich können Sie mit „echten“ Aktien jeden noch so schweren Kollaps aussitzen, während Sie bei ETFs am Ende des Tages abhängig von der Bonität des garantiegebenden Emittenten sind, der wiederum abhängig ist von den Emittenten seiner im ETF verbauten Derivate und strukturierten Finanzprodukte. Lehman Brothers lässt grüßen.

Eine Wette auf die Stabilität des Finanzsystems

Die Finanz- und Schuldenkrise ist keinesfalls überwunden. Insbesondere für Italiens Banken spitzt sich die Lage zu. Der dortige Bankensektor hat notleidende Kredite in einem Volumen von 360 Milliarden Euro in den Büchern. 18 Prozent des gesamten Kreditbestandes sind faul. Da die Banken untereinander eng verflochten sind und da Bankenkrisen fast immer auch Staatsschuldenkrisen sind, droht der Funke aus Italien auch den Rest der Euro-Zone in Brand zu setzen. Insgesamt 550 Milliarden Euro Schulden hat Italien beim globalen Bankensystem, wobei vor allem französische Geldhäuser zittern müssen. Immerhin führen sie mit 250 Milliarden Euro die Liste der Gläubiger an. Deutsche Institute haben knapp 84 Milliarden Euro im Feuer. Diese aktuellen Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) machen deutlich, wie leicht die Krise einer oder gar mehrerer größerer Banken in Italien auf andere Institute und Länder überspringen könnte.

Genau hier schließt sich der Kreis. Wer in solchen Zeiten in synthetische ETFs investiert, also eine Wette auf die Stabilität des Finanzsystems eingeht, fährt definitiv hohe Risiken. Hinzu kommt, dass die in ETFs enthaltenen Wertpapiere vom Emittenten auch beliehen werden dürfen, was die Sicherheit weiter beeinträchtigt.

Indizes setzen nur auf Größe

Wenn ich schon dabei bin, liefere ich Ihnen auch noch die anderen Gründe, warum ich ETFs nicht besonders mag. Die meisten ETFs bilden die großen Indizes ab und genau damit habe ich als Value-Investor ein Problem. Indizes setzen nämlich nicht auf Qualität oder Unterbewertung, sondern nur auf Größe, was häufig sogar das Gegenteil bedeutet.

Wenn die Technologie- und Telekomtitel also besonders teuer sind (wie um das Jahr 2000 herum), kauft man im Index folglich einen besonders hohen Anteil davon. Nach dem Jahr 2000 fielen diese Titel, wie auch zum Beispiel die Deutsche Telekom oder Intel, teilweise um 90 Prozent und mehr. Im März 2000 erreichte das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Titel aus der Technologie- und Telekommunikationsbranche sagenhafte 116. Zum Vergleich: das langjährige Durchschnitts-KGV deutscher Aktien liegt bei rund 20.

Überperformance als Folge des ETF-Booms

Die häufig anzutreffende rechnerische Überperformance von Indizes hat indirekt auch mit dem ETF-Boom zu tun. Eine breite Masse von Anlegern hat in den letzten zehn Jahren über ETFs mit zunehmender Tendenz in genau die Unternehmen investiert, die in den großen Indizes enthalten sind. Diese großvolumige passive Nachfrage hat deren Aktienkurse und damit auch die großen Indizes stärker als den breiten Markt nach oben gezogen.

Nicht ohne Grund sind gerade Indizes wie der S&P 500, die besonders häufig über ETFs nachgebildet werden, aktuell besonders stark überbewertet. Damit ergeben sich im Umkehrschluss aber auch massiv erhöhte Risiken für den Fall einer Marktkorrektur. Dann wirken ETFs nämlich wie Brandbeschleuniger, da die ängstlichen Anleger – und meist investieren gerade solche passiv – dann über den Verkauf der ETFs auch gerade die Kurse der Index-Unternehmen besonders stark nach unten ziehen.

Unsere Antwort auf diese Risiken ist das „Reinheitsgebot der Kapitalanlage“. Wer Index-Produkte meidet, wird in diesem drohenden ETF-Sog nicht mit dabei sein.


Ab und zu schreiben Experten für das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA), die nicht zum Kernteam gehören. Aber was bedeutet das schon. Gäste empfängt man immer am wärmsten.

Wie Rainer Laborenz. Er ist Geschäftsführer der azemos vermögensmanagement gmbh in Offenburg.


 

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