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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 12.12.2014 Drucken

Kein Thema zum Abhaken in einer Legislatur

Das DIA im Gespräch mit Dr. Ralf Suhr vom „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) in Berlin.

Der Mediziner und Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Stiftung plädiert für eine Vorsorgekultur in einer Gesellschaft des langen Lebens und für einen etwas anderen Blickwinkel auf den demografischen Wandel.

Ralf Suhr - Kein Thema zum Abhaken in einer LegislaturMit dem neuen Pflegestärkungsgesetz ist die erste Stufe der in dieser Legislaturperiode geplanten Pflegereform genommen. Wie zufrieden sind Sie damit als Vertreter einer Stiftung, deren Name zugleich ihr Anliegen verdeutlicht – für Qualität in der Pflege?

Leistungen können jetzt flexibler gestaltet und abgerufen werden und es gibt mehr Geld dafür. Das sind gute Ansätze. Auch wenn Gesetze abstrakt gefasst sein müssen – das bisherige System war zu starr. Pflege ist allerdings kein Thema zum Abhaken in einer Legislaturperiode und keineswegs auch nur auf Politik begrenzt.

Prognosen sprechen von 200.000 bis 500.000 fehlenden Pflegefachkräften bis zum Jahr 2030. Beunruhigt Sie das?

Es gibt da sehr viele Prognosen und die Spannweite zeigt auch, wie verschieden diese sind. Wir sollten nicht jammern über das, was eintreten wird, sondern wir sollten jetzt vielmehr endlich daran arbeiten, den Beruf attraktiver zu gestalten, aber auch die Effizienz und Effektivität bei der Leistungserbringung erhöhen, beispielsweise durch Einsatz von Technik, dort wo sinnvoll und möglich. Man muss die Potenziale von Gesundheitsförderung und Prävention heben, so dass Pflegebedürftigkeit später oder erst gar nicht eintritt und die prognostizierte Personallücke auch auf diese Weise zumindest verkleinert werden kann.

„Etwa 30 Prozent der Demenzerkrankungen sind vermeidbar.“

Mediale Ratgeber haben auch hier mittlerweile Hochkonjunktur und damit das Sagen, was vorbeugend hilft. Gesunde Lebensweise wird so oft eher zu einer Glaubensfrage. Wie ist die wissenschaftliche Datenlage in Bezug auf präventives Verhalten und seinen Erfolg?

Die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu beweisen, ist schwer. Mit der wissenschaftlichen Datenlage speziell zur Prävention von Demenzerkrankungen stehen wir erst am Anfang. Mittlerweile zeigen Studien: Würden die Potenziale von intellektueller Stimulation, von psychomotorischem und Gedächtnistraining sowie von körperlicher Aktivität ausgenutzt, könnten Demenzerkrankungen vielfach vermieden werden. So hat eine französische Langzeitstudie aus dem Jahr 2010 beispielsweise dargestellt, dass etwa 30 Prozent von Demenzerkrankungen vermeidbar sind. Eine Metaanalyse legt nahe: Körperlich aktive Personen haben ein geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken. Wir können allerdings noch nirgendwo von einer gezielten Intervention sprechen, mit der sich künftig alle Demenzen verhindern lassen. Davon sind wir noch weit entfernt.

„Aldi-Pflege“ durch Roboter – ein Zukunftsbild, das jüngst auf einem Forum gezeichnet wurde und kritische Fragen im Hinblick auf Effizienz, Personal- und damit Kostenersparnis durch Technikeinsatz provoziert hat. Was entgegnen Sie?

Man muss es schon differenzierter sehen: Wovon reden wir bei Pflegerobotern? Damit sind nach meinem Verständnis nicht „Maschinen auf zwei Beinen“ gemeint, die beispielsweise auf Knopfdruck Kaffee servieren. Was ist gegen technische Hilfsmittel zur Unterstützung des Pflegepersonals zu sagen, wenn Pflegebedürftige dadurch leichter umgelagert werden können? Den Einsatz von Technik in der Pflege primär zu verdammen, ist also nicht hilfreich. Was bringt sie, entweder für die Lebensqualität der Pflegebedürftigen oder für die Arbeit des Pflegepersonals? Das ist doch die zentrale Frage. Nachdenken muss man zum Beispiel auch über den Einsatz von Tablet-PCs bei der Betreuung und Therapie Demenzkranker. Hier beziehe ich mich auf ein aktuelles Gemeinschaftsprojekt des ZQP mit Forschern der Charité.

„Apps können Betroffenen helfen, das Gedächtnis zu trainieren.“

Gibt es schon Resultate?

Ja, sie sind vielversprechend. Die Pilotstudie, die erstmals den Nutzen von Tablet-Anwendungen in diesem Bereich untersucht hat, zeigt: Sie können ein idealer Mittler für die Kommunikation zwischen demenziell erkrankten Menschen und Pflegefachkräften sowie Angehörigen sein. Die eingesetzten Apps können Betroffenen helfen, ihr Gedächtnis zu trainieren und miteinander zu kommunizieren. Auch typische Verhaltensweisen wie innere Unruhe oder Apathie konnten reduziert werden. Bewohner, die nicht mehr am Alltag teilgenommen haben, ließen sich so wieder einbinden. Kognitive Fähigkeiten wurden reaktiviert. Darin stecken viele Möglichkeiten für die Zukunft. Positive Rückmeldung gab es nicht nur von den Therapeuten. Das Ganze wurde von unabhängigen Experten gefilmt. Man hat gesehen: Die Heimbewohner hatten Freude, mit Apps und Skype zu arbeiten.

Wie geht es weiter?

Es hat sich tatsächlich ein Konsortium aus IT-Experten, Projektentwicklern und Wissenschaftlern gefunden, um ein bundesweit angelegtes Projekt daraus zu machen und die Wirkungen noch einmal genauer zu untersuchen. In drei Jahren werden wir mehr wissen. Ein wichtiger Punkt: Hier geht es eben gerade nicht um Einsparung von Personal. Das Projekt funktioniert nur, weil es von speziell dafür geschulten Pflegefachkräften begleitet wird.

„Eine Gesellschaft des langen Lebens braucht eine Vorsorgekultur.“

Zwischen Pflegevorsorge und Pflegenotstand – wo steht Deutschland hier im Vergleich zu anderen Industrienationen? Wird es anderswo besser gemacht?

Der demografische Wandel betrifft nicht alle Nationen gleichermaßen. Momentan sind wir die weltweit zweitälteste Nation – nach Japan, wo knapp die Hälfte der Bevölkerung 65 Jahre und älter ist. Von daher können wir uns nicht mit anderen vergleichen. Vielmehr müssen wir bei der Vorsorge eine Vorreiterrolle übernehmen. Was wir in unserer Gesellschaft des langen Lebens brauchen, ist eine Vorsorgekultur.

Das ist ein recht dehnbarer Begriff …

Im Grunde genommen geht es dabei um einen etwas anderen Blick auf den demografischen Wandel, durch den heutige Generationen nach der Berentung erstmals ein drittes Lebensalter bei relativ guter Gesundheit zur freien Gestaltung gewinnen. Alter früher, das war bekanntlich eine Zeit – nach dem Nicht-mehr-Arbeiten-Können – mit viel Krankheit und sehr raschem Tod. Pflegebedürftigkeit heute findet hauptsächlich im hohen und höchsten Alter ab 85 oder 90 plus statt. Die Frage ist doch: Was macht man aus diesen 20 geschenkten Jahren zwischen Pensionierung und dem vierten Lebensabschnitt? Vorsorglich in eine barrierefreie Wohnung umziehen? Oder das Haus dahingehend umbauen? Und dann besteht, wie gesagt, auch die Möglichkeit, Pflegebedürftigkeit durch körperliche und geistige Stimulation hinauszuschieben.

„Spanisch lernen mit 70, warum denn nicht. Auch das ist Vorsorge.“

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Sportmediziner weisen auf die 10.000 Schritte oder fünf Stockwerke hin, die man als gesunder Mensch am Tag laufen soll. Eine sehr spannende Studie hat außerdem gezeigt, dass Tanzen – im Sinne von Gesellschaftstanz – tatsächlich einen sehr positiven Effekt für die kognitive Leistungsfähigkeit haben kann. Hier verbinden sich körperliche Aktivität mit geistigem Training, intelligente leichte Bewegungen mit anregenden Gesprächen. Sich geistig fit zu halten, das bedeutet in jedem Alter zum Beispiel auch, Alltagsroutine zu durchbrechen: etwas Neues machen, sich mit einer anderen Sicht auf die Dinge zu kitzeln. Also genau das Gegenteil von dem, was man landläufig hört: nach der Berentung erst mal kürzertreten. Nein, gerade noch mal durchstarten, den dritten Lebensabschnitt neu gestalten. Spanisch lernen mit 70 Jahren, warum denn nicht? Auch das ist Vorsorge. Es gibt den Traum vom ewigen Jungbrunnen. Aber was tun wir, jeder Einzelne persönlich, dafür?


Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) ist eine junge gemeinnützige Stiftung, die Ende des Jahres 2009 durch den Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. errichtet wurde. Der Stifterauftrag an das ZQP umfasst zweierlei: Zum einen eine kritische Bestandsaufnahme zu den Methoden und Verfahren der Qualitätssicherung und des Qualitätsmanagements in der Pflege, zum anderen die Entwicklung von praxisorientierten Konzepten für eine qualitativ hochwertige und an den Bedürfnissen ausgerichtete Versorgung älterer, hilfebedürftiger und behinderter Menschen.


In einer Studie untersuchte das ZQP inwieweit Gewalt in der Pflege verbreitet ist. Dazu gehört weitaus mehr als körperliche Übergriffe, außerdem kann Gewalt Gepflegte sowie Pflegende gleichermaßen treffen. Konflikte zwischen pflegebedürftigen Menschen und Pflegenden sind der Studie zufolge keine Seltenheit. Ein Drittel der Befragten mit Pflegeerfahrung gab an, sich schon mindestens einmal unangemessen in der Pflege verhalten zu haben. Davon äußerten die meisten, den Pflegebedürftigen beschimpft oder beleidigt zu haben (79 Prozent), 26 Prozent entzogen gelegentlich erforderliche Hilfen oder Aufmerksamkeit, 6 Prozent wurden körperlich aggressiv. Aber auch Pflegende erfahren aggressives oder gewalttätiges Verhalten seitens des Pflegebedürftigen: 40 Prozent der Befragten haben dies schon mindestens einmal erlebt. Dabei sind Frauen häufiger mit unangemessenem Verhalten konfrontiert (44 Prozent) als Männer (36 Prozent).


 

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