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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 21.11.2014 Drucken

Drei Stunden Leben pro Euro

Jeder Euro, den die Ostdeutschen nach der Wende mehr an Rente und Leistungen aus der gesetzlichen Krankenversicherung erhielten, verlängerte pro Jahr die Lebenserwartung um drei Stunden.

Diese überraschende Zahl präsentierte unlängst Tobias Vogt vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) fragte nach.

Tobias Vogt - Drei Stunden Leben pro EuroDrei Stunden Leben pro Euro – knapper und prägnanter lässt sich ein demografischer Trend nicht ausdrücken. Aber kann man eine solch einfache Rechnung anstellen?

Sicherlich klingt diese Quintessenz unserer Untersuchungen etwas verkürzt, in Wirklichkeit werden ja beträchtliche Summen von den Sozialsystemen bewegt. Aber wir wollten damit auf einen wichtigen und in der Vergangenheit durchaus strittigen Effekt aufmerksam machen: Öffentliche Gelder haben spürbar dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung in den neuen Bundesländern angestiegen und zu der des Westens aufgeschlossen hat. Wir haben diese Wirkung nun erstmals quantifiziert.

Sie wollen damit zugleich mit einem Vorurteil aufräumen …

… mit dem einbahnstraßenförmig argumentiert wird, dass in den Sozialsystemen höhere Kosten anfallen, weil die Menschen älter werden. Das war der Hintergrund, vor dem wir unsere Berechnungen angestellt haben. Sie beruhen auf neuartigen altersspezifischen Daten zu öffentlichen Ausgaben bis ins Jahr 2000. Mit unseren Untersuchungen möchten wir einen Sinneswandel in der öffentlichen Diskussion anstoßen: Die deutsche Wiedervereinigung hat eindrucksvoll gezeigt, dass diese Ausgaben zugleich eine Investition sind, eine Investition in ein längeres Leben.

„Die deutsche Wiedervereinigung ist eine Art soziales Experiment.“

Wie wirkten sich diese Investitionen konkret aus?

Die Ausgaben der Sozialversicherung stiegen in den neuen Bundesländern vom Mauerfall bis zur Jahrtausendwende von rund 2.100 Euro je Person und Jahr auf knapp 5.100 Euro. Gleichzeitig nahm die Lebenserwartung um fast vier Jahre zu. 1989 war im Osten mit 73,5 Jahren ein deutlich kürzeres Leben zu erwarten als im Westen mit 76 Jahren. Bis zur Jahrtausendwende war diese Ost-West-Differenz von 2,5 Jahren auf weniger als ein Jahr geschrumpft.

Lässt sich der Zusammenhang zwischen SV-Ausgaben und Lebenserwartung signifikant nachweisen?

Die deutsche Wiedervereinigung ist eine Art soziales Experiment. Eine Bevölkerung mit gleichem kulturellem Hintergrund wurde durch die deutsche Teilung getrennt und erfuhr eine unterschiedliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Mit der Wiedervereinigung vereinheitlichten sich die Rahmenbedingungen wieder. Unter diesen Bedingungen lassen sich die Auswirkungen eines Anstiegs der Sozialausgaben gut untersuchen. Das von uns gewählte statistische Modell ermittelt, wovon die Sterberaten abhängen und wie sie sich im Laufe der Zeit ändern. Mit den höheren SV-Ausgaben hat die Lebenserwartung zugenommen. Beide Größen sind gleichzeitig gestiegen, daher kann es nur diesen Wirkungsmechanismus geben. Die Ostdeutschen sind ja nicht erst gealtert und haben dann die höheren Kosten hervorgerufen, sondern es war umgekehrt. Der starke Zusammenhang zwischen Sozialausgaben und Sterberaten hat uns übrigens selbst ein wenig überrascht.

„Zusätzliche Gesundheitsausgaben wirken stärker als höhere Renten“

Was ist mit anderen Faktoren, wie zum Beispiel einer geringeren Luftverschmutzung nach der Stilllegung eines großen Teils der veralteten ostdeutschen Wirtschaft?

Auch das haben wir uns angesehen: Andere Faktoren besitzen nur einen geringen Einfluss auf die Veränderung der Sterberaten. Natürlich kann das im Einzelfall ganz anders sein. Aber wir betrachten die Makrodaten auf gesellschaftlicher Ebene, keine Individualdaten.

Zu den Ausgaben im Sozialsystem gehören Renten und Gesundheitsleistungen. Gibt es bei den Auswirkungen auf die Lebenserwartung Unterschiede?

Ja, zusätzliche Ausgaben im Gesundheitswesen wirken stärker als Erhöhungen der Renten. Jeder Euro, den die gesetzlichen Krankenversicherungen im Osten mehr ausgaben, trug zweieinhalbmal so viel zur Senkung der Sterblichkeit bei wie jeder zusätzliche Euro aus dem Rentensystem. Eine bessere gesundheitliche Versorgung ist am wichtigsten für ein längeres Leben. Höhere Kosten für Krankenkassen bedeuten im Umkehrschluss bessere ärztliche Behandlung sowie bessere Versorgung mit Medikamenten und anderen Gesundheitsdienstleistungen. Ohne die fortschreitende Angleichung der Renten hätte es aber keine so weitgehende Annäherung bei der Lebenserwartung gegeben. Bei gleicher medizinischer Versorgung ist der Lebensstandard für die Lebenserwartung entscheidend. Der wiederum wird maßgeblich von der Rente bestimmt. Im Westen Deutschlands waren die Ausgaben für die Rente weniger entscheidend für die Veränderung der Lebenserwartung, aber sie hatten sich schließlich im Laufe der untersuchten Periode auch nicht so stark verändert.

„Inzwischen gibt es gar kein klares Ost-West-Gefälle mehr.“

Warum haben Sie beim Jahr 2000 mit den Berechnungen aufgehört?

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Lebenserwartung in Ost und West schon sehr weit angeglichen. Außerdem fanden anschließend nicht mehr so große Anpassungsbewegungen bei den Sozialausgaben statt. Daher haben wir an diesem Punkt die Untersuchungen abgebrochen. Weitere Berechnungen wären mit dem vorhandenen Datenmaterial möglich gewesen, hätten aber nicht mehr viel an Erklärung geliefert.

Ist die Lebenserwartung in Ost und West inzwischen gleich?

Bei den Frauen ja, bei den Männern noch nicht ganz. 2011 betrug die Lebenserwartung von Frauen in Ost und West bei Geburt jeweils 82,9 Jahre. Männliche Neugeborene hatten 2011 in den alten Bundesländern eine Lebenserwartung von 78,3 Jahre und in den neuen Ländern 77,1 Jahre. Zum Vergleich die Werte von 1990: im Westen 79 Jahre für Frauen und 72,6 Jahre für Männer. Im Osten betrug die Lebenserwartung 76,3 Jahre (Frauen) beziehungsweise 69,2 Jahre (Männer).

Warum hinken die Männer bei der Angleichung immer noch ein wenig hinterher?

Die Unterschiede können auf die innerdeutsche Wanderung nach der Wende zurückgeführt werden. Vor allem die Gebildeten und Gesunden sind in den Westen gegangen, um dort eine neue Arbeit zu finden. Bei den Männern hat sich dieser Effekt stärker niedergeschlagen. Inzwischen haben wir allerdings gar kein klares Ost-West-Gefälle mehr. Es gibt eher Unterschiede zwischen Nord und Süd oder zwischen einzelnen Regionen.

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