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Demographie

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Demographie | 17.7.2015 Drucken

Digitale Arbeit in der Crowd

Was wissen wir bereits über Crowd-Work in Deutschland? Wer sind die Menschen, die auf Crowd-Work-Plattformen arbeiten und so ihr Geld verdienen?

Jan Marco Leimeister von den Universitäten Kassel und St. Gallen hat sich mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Er leitet eine Studie im Rahmen des Projekts „Crowd Work – Arbeiten in der Wolke“ der Hans-Böckler-Stiftung, die in den nächsten Wochen vorgestellt werden soll.

Jan-Marco LeimeisterLeimeister sprach vorab im Interview für dem Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) über die Ergebnisse der Studie. Es habe sich unter anderem gezeigt, wie heterogen die Gruppe der Crowd-Worker in Deutschland ist.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit der Thematik der Crowd-Work auseinanderzusetzen, und warum sollte sich die Forschung damit beschäftigen?

Das Thema Crowd-Work hat seinen Ursprung, wie viele andere Entwicklungen und Trends des digitalen Zeitalters, im nordamerikanischen Raum. Obwohl die Thematik in den USA wesentlich breiter diskutiert wird als hierzulande, ist ein zunehmendes Interesse an Crowd-Work auch seit einigen Jahren in Deutschland zu beobachten.

Als neue Arbeitsorganisationsform ist Crowd-Work eine ernstzunehmende Alternative für viele Unternehmen geworden. Parallel dazu ist die Anzahl an Plattformen, auf denen die Crowd arbeitet, sukzessive gestiegen. Nicht zuletzt arbeiten in Deutschland immer mehr Personen als Crowd-Worker auf diesen IT-gestützten Plattformen und erfüllen die unterschiedlichsten Aufgaben. In der öffentlichen Wahrnehmung trifft diese neue Beschäftigung den aktuellen Zeitgeist digitaler Arbeitsformen und ist somit auch für die Forschung höchst relevant. Wie sich Crowd-Work auf individueller, prozessualer und systemischer Ebene auswirkt, sollte daher im Fokus künftiger Untersuchungen stehen. Die Arbeit in der Crowd verändert nicht nur bestehende Arbeitsprozesse sowie -strukturen, sondern auch die Wahrnehmung und das Erleben von Arbeit aus Sicht des Einzelnen. 

Hat sich Ihre Recherche damit befasst, wie groß die Gruppe der Crowd-Worker in Deutschland ist?

Die sehr heterogene Landschaft an Plattformen sowie die große Bandbreite an Aufgaben, die Crowd-Worker bearbeiten, erschweren eine präzise Quantifizierung. Viele Crowd-Worker sind darüber hinaus auf mehreren Plattformen gleichzeitig aktiv. Um jedoch zuverlässige Informationen über die Verteilung sowie Größe der deutschen Crowd zu erhalten, bedarf es auch der Unterstützung der Plattformen selbst sowie des Zugangs zu deren Bestandsdaten. Dieser Zugang hat sich bisher jedoch als relativ schwierig erwiesen.

„Für Schreibaufgaben erhält ein Crowd-Arbeiter deutlich unter 5 Euro pro Stunde“

Wissen Sie, wie viele der Crowd-Worker finanziell von ihren Einkünften durch die Arbeit in der Crowd abhängig sind?

Unsere Studie unterscheidet zwischen haupt- und nebenberuflichen Crowd-Workern sowie hinsichtlich des monatlichen Betrags, den sie allein aus der Arbeit in der Crowd beziehen. Erste Ergebnisse lassen ein sehr heterogenes Bild der deutschen Crowd-Worker in Bezug auf ihre finanzielle Abhängigkeit erkennen. Teilweise haben sie sich bewusst und ohne finanziellen Zwang für die Arbeit in der Crowd entschieden. So gehen einzelne Crowd-Worker dieser Tätigkeit nebenberuflich nach, um einen monatlichen Zusatzverdienst zu generieren oder einfach aus Spaß an den Aufgaben. Andererseits gibt es deutsche Crowd-Worker, die diese Beschäftigung hauptberuflich ausüben und für die Einkünfte aus der Crowd-Work sogar die primäre Einnahmequelle darstellen.

Können Sie sich zu den Einkünften von Crowd-Workern in Deutschland äußern?

Erste Erkenntnisse zur Bezahlung haben wir im Rahmen einer Serie von Tiefeninterviews mit deutschen Crowd-Workern gewonnen. Die Einkünfte sind sehr unterschiedlich und hängen von mehreren Faktoren ab, wie z.B. den angebotenen Tätigkeiten, den Fähigkeiten und der Erfahrung des Crowd-Workers. So variieren die Stundenlöhne deutscher Crowd-Worker mitunter sehr stark. Für Übersetzungs- oder Schreibaufgaben erhält ein Crowd-Worker teilweise deutlich unter fünf Euro pro Stunde. Demgegenüber werden Arbeiten im Bereich der Programmierung und der IT-Dienstleistungen nicht selten mit bis zu 70 Euro Stundenlohn vergütet. Neben dem stundenlohn-basierten Abrechnungsmodell werden Aufgaben darüber hinaus zum Fixpreis vergeben. Auch hierbei reicht die Spanne von kleinen Mikroprojekten, wie der Recherche von Adressen, für zwei Euro bis zu Großaufträgen, wie beispielsweise der Gestaltung einer Website, für mehr als 2.000 Euro.

Geht ein Teil der Bezahlung auch an die Plattformen, die den Auftraggeber und den Crowd-Arbeiter zusammenbringen?

Ja, auch das kann eine Rolle spielen. Zudem variieren die an die Plattformen abzuführenden Gebühren teilweise sehr stark. Insbesondere in einer frühen Phase als Crowd-Worker können die Abgaben an die Plattform pro Auftrag relativ hoch sein und somit die Einkünfte entsprechend schmälern. Vor diesem Hintergrund reichen die monatlichen Brutto-Einkommen der von uns befragten deutschen Crowd-Worker von unter 500 Euro bis zu über 4.000 Euro.

Sind Sie der Meinung, dass der Crowdsourcing-Markt in Deutschland in Zukunft weiter wachsen wird?

Obwohl es bisher keine umfassenden Zahlen zur Beschäftigung gibt, ist Crowd-Work dennoch ein Phänomen, das sich zunehmend auch im deutschsprachigen Raum verbreitet. So sind allein auf den größeren internationalen Plattformen wie beispielsweise Freelancer, Elance oder 99Designs schon mehrere Tausend Crowd-Worker aus dem deutschsprachigen Raum registriert. Zudem gibt es Plattformen aus Deutschland wie z.B. Testbirds.de, die allein eine Crowd von über 20.000 deutschen Testern haben. Aufgrund der vielen verschiedenen Plattformarten sowie der zunehmenden Beliebtheit von Crowd-Work bei den Unternehmen kann ich mir daher gut vorstellen, dass Crowd-Work auch im deutschsprachigen Raum weiter zunehmen wird. Die von uns gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass Menschen aus nahezu allen gesellschaftlichen Schichten, unterschiedlichsten Altersklassen sowie beruflichen Hintergründen in der Crowd arbeiten. 

„Der Anteil hauptberuflicher Crowd-Arbeiter könnte sich mittelfristig erhöhen.“

Glauben Sie, dass sich der Anteil derjenigen, deren Haupteinnahmequelle die Crowd-Work darstellt, in Zukunft vergrößern wird?

Es ist durchaus möglich, dass sich im Zuge der zunehmenden Digitalisierung von Arbeit und den damit verbundenen steigenden Einsatzmöglichkeiten von Crowd-Work auch der Anteil an hauptberuflichen Crowd-Workern mittelfristig erhöhen könnte.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf im Hinblick auf die Fairness der Crowd-Arbeit?

Einerseits befindet sich Crowd-Work immer noch in einem rechtlichen Vakuum. Die Implementierung eines gesetzlichen Rahmenwerks kann daher zu einer fairen Arbeit in der Crowd beitragen. Einige Aspekte guter Crowd-Work könnten bereits mit bestehenden Gesetzen gelöst werden. So existieren schon Regelungen zu Nutzungsrechten, Bezahlung und Gewährleistung, die entsprechend auf Crowd-Work anzuwenden wären. Andererseits ist die Gestaltung von guter bzw. fairer Crowd-Work nicht automatisch eine Frage der Regulierung. Es gibt neben der rechtlichen Beurteilung weitere Möglichkeiten faire Crowd-Work zu gestalten.

Insbesondere die Kommunikation mit der Plattform sowie mit dem Auftraggeber kann aus Sicht des Crowd-Workers verbessert werden. In diesem Zusammenhang sind z.B. das Aufgabendesign, die Arbeitsanweisungen sowie die Feedbackqualität im Sinne guter Crowd-Work zu optimieren. Des Weiteren nutzen Plattformen besondere Steuerungs- und Kontrollmechanismen, um ihre Crowd zu managen. Diese Mechanismen wirken jedoch zumeist nur in eine Richtung und sind unzureichend auf den einzelnen Crowd-Worker zugeschnitten. So sind beispielsweise die Kontrolle von Ergebnissen oder das Design von Anreizstrukturen künftige Handlungsfelder, um gute Lösungen für das Arbeiten in der Crowd zu realisieren.


Prof. Dr. Jan Marco Leimeister ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Direktor am Wissenschaftlichen Zentrum für Informationstechnik-Gestaltung (ITeG) der Universität Kassel. Zudem ist er seit Herbst 2012 Professor für Wirtschaftsinformatik in Teilzeit am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen. Er publiziert seit 2013 zum Thema der Crowd-Work. Seit Mai 2014 forscht er im Rahmen des Projekts „Crowd Work – Arbeiten in der Wolke“ der Hans-Böckler-Stiftung. 


Die Studie wurde im Rahmen des Projekts „Crowd Work – Arbeiten in der Wolke“ von der Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegeben. Es geht einerseits darum, einen umfassenden Überblick über die Ausprägung und die Organisationsformen von Crowd-Work zu gewinnen. Andererseits sollen Erkenntnisse über die Wahrnehmung von Crowd-Work aus der Perspektive von Arbeitnehmern und Arbeitnehmervertretern generiert werden. Die Studie läuft seit Mai 2014, die Ergebnisse sollen in den nächsten Wochen vorgestellt werden. 


 

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