Die private Altersvorsorge in Deutschland steht vor einem fundamentalen Umbruch. Die im Jahr 2002 eingeführte Riester-Rente gilt nach mehr als zwei Jahrzehnten aufgrund niedriger Renditen, hoher Kosten und zu großem bürokratischen Aufwand weithin als gescheitert. Nun soll das staatlich geförderte Modell beerdigt und durch eine umfassende Reform abgelöst werden, die im Jahr 2027 in Kraft treten soll. Das erklärte Ziel der Gesetzgebung ist es, die Altersvorsorge durch mehr Wettbewerb und Transparenz einfacher, flexibler und vor allem renditestärker zu gestalten.
Bislang war das deutsche Vorsorgesystem stark von einem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis geprägt, das Renditen systematisch schmälerte. Zukünftig wird der Staat die private Altersvorsorge grundlegend neu ausrichten und zwei unterschiedliche Wege finanziell fördern, um Anlegern die Wahl zwischen Sicherheit und maximaler Renditechance zu geben.
Der erste Weg ist die Weiterentwicklung der klassischen Rentenversicherung (wie der bisherigen Riester-Rente). Diese modernen Garantie-Produkte sehen weiterhin eine Absicherung der eingezahlten Beiträge vor. Künftig haben Anbieter jedoch auch die Option, nur 80 Prozent zu garantieren, was etwas mehr Spielraum für renditestärkere Anlagen ermöglicht.
Der zweite Weg – und das markiert die eigentliche Revolution in der deutschen Vorsorgelandschaft – wird ein sogenanntes „Altersvorsorgedepot“ sein. Dieses Produkt steht im Mittelpunkt der Reform und wird gänzlich ohne Garantien gefördert. Dieser Schritt trägt der finanzwissenschaftlichen Erkenntnis Rechnung, dass weniger Garantie unmittelbar höhere Renditechancen am Aktienmarkt bedeutet.

Anleger dürfen in diesem Rahmen künftig in breit gestreute Anlagen wie aktive Wertpapier-Fonds, ETFs, Euroanleihen und bestimmte Sachwertinvestitionen wie Immobilien- oder Infrastrukturfonds bis zur Risikoklasse fünf investieren. Um Totalverluste durch Spekulation zu verhindern, bleiben Einzelaktien oder riskante Derivate wie Optionsscheine ausgeschlossen.
Die Kostensenkung als zentraler Hebel
Ein massiver Kritikpunkt an traditionellen Vorsorgeprodukten war stets die immensen Gebühren, die den Zinseszins-Effekt aufzehrten. Die Reform greift hier spürbar ein: Die Effektivkosten für die neuen Produkte dürfen ein Prozent pro Jahr künftig nicht mehr überschreiten. Diese Obergrenze gilt für alle anfallenden Gesamtkosten des Vertrags. Zudem müssen diese Kosten über die gesamte Laufzeit verteilt werden. Dies verhindert den in der Vergangenheit üblichen hohen Gebührenabzug in den ersten Jahren (die sogenannte Zillmerung) und macht einen Anbieterwechsel, der nach fünf Jahren kostenfrei möglich sein muss, deutlich attraktiver. Für Sparer, die eine unkomplizierte Lösung suchen, wird ein kostengünstiges Standardprodukt eingeführt.
Mehr Flexibilität und neue Zielgruppen
Auch am Ende der Ansparphase löst die Reform alte Fesseln. Das angesparte Vermögen muss nicht mehr zwingend in eine oft teure, lebenslange Rente umgewandelt werden, die in der Vergangenheit durch den Versicherungszwang erhebliche Kosten verursachte. Künftig sind auch flexiblere monatliche Auszahlungspläne möglich, die lediglich bis zum 85. Lebensjahr reichen müssen. Zudem öffnet sich das System künftig für eine wichtige Bevölkerungsgruppe. Anders als bei der bisherigen Riester-Rente können nun auch alle Selbstständigen die neue staatlich geförderte Altersvorsorge in Anspruch nehmen.
Die staatliche Förderung und das steuerliche Rechenexempel
Die staatlichen Zulagen werden im neuen System vereinfacht und attraktiver gestaltet. Einzahlungen bis zu 360 Euro jährlich werden künftig mit 50 Prozent bezuschusst, für Beträge darüber hinaus bis 1.800 Euro winken 25 Prozent Zuschuss. Familien profitieren von einem Kinderzuschlag in Höhe von 300 Euro je Kind. Dennoch ist das neue Modell kein automatischer Selbstläufer. Die tatsächliche Rentabilität richtet sich stark nach der individuellen Steuersituation und den konkreten Produktkosten. Während Einzahlungen in das Altersvorsorgedepot steuerlich absetzbar sind, müssen die Erträge im Ruhestand mit dem persönlichen Steuersatz versteuert werden. Dieser kann höher liegen als die Abgeltungssteuer von 26,4 Prozent, die für ungeförderte ETF-Depots anfällt. Experten schätzen, dass sich das geförderte Modell bei Produktkosten von unter 0,8 Prozent lohnen kann, betonen jedoch, dass Anleger hier genau nachrechnen müssen.
Besonnenheit statt Aktionismus
Wie beim grundsätzlichen Umgang mit Kapitalmarktinvestitionen gilt auch bei der Umstellung der Altersvorsorge die Devise, keine Panik aufkommen zu lassen und keine hastigen Entscheidungen zu treffen. Experten raten dringend davon ab, bestehende Riester-Verträge vorerst zu kündigen, da dies in der Regel mit hohen finanziellen Verlusten einhergeht. Die alten Verträge können später oft in das neue System überführt werden. Wer langfristig ein solides Vermögen aufbauen möchte, sollte sich bei der Wahl des neuen Produkts von dem Wunsch nach absoluter Sicherheit verabschieden. Eine vernünftige Altersvorsorge über Jahrzehnte hinweg benötigt keine Garantien. Über so lange Zeiträume sind Aktien-ETFs der beste Schutz vor Inflation und Kaufkraftverlust.
Der ganzheitliche Finanzplan als Fundament
Die staatliche Förderung durch das neue Modell bietet interessante Möglichkeiten, bleibt am Ende jedoch nur ein einzelner Baustein in einem soliden Gesamtkonzept. Ein erfolgreicher Vermögensaufbau ist kein Zufallsprodukt, sondern immer noch das Ergebnis kluger Entscheidungen und einer strukturierten Vorgehensweise. Aus diesem Grund ist ein umfassender und frühzeitiger Ruhestandsplan unerlässlich. Wer seine Altersvorsorge und die Strukturierung seiner Finanzen rechtzeitig und ganzheitlich in die Hand nimmt, schafft die notwendige Klarheit für die Zukunft. Nur durch eine individuell abgestimmte und professionelle Finanzplanung lassen sich Versorgungslücken zuverlässig aufdecken und schließen. Genau dieses vorausschauende Handeln legt das Fundament, um den Lebensabend später wirklich unbefangen und in finanzieller Unabhängigkeit genießen zu können.

Markus Richert ist CFP® und Seniorberater Vermögensverwaltung bei der Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH in Köln