Nur Börse im Kopf? Warum unser Gehirn manchmal der größte Gegenspieler der eigenen Performance ist.

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05. Januar 2026

Nur Börse im Kopf? Warum unser Gehirn manchmal der größte Gegenspieler der eigenen Performance ist.

Als Fortsetzung meines letzten Artikels „Geld & Gefühle“ werfen wir heute einen Blick darauf, wie sehr unsere Emotionen den alltäglichen Umgang mit Geld und Beziehungen prägen. Der Fokus liegt dabei auf der Börsenpsychologie.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Supermarkt. Die Nussmischung, die Sie normalerweise kaufen, ist heute um ganze 20 Prozent reduziert. Wie reagieren Sie? Wahrscheinlich mit Freude. Sie greifen zu und nehmen vielleicht sogar zwei oder drei Päckchen mit. Nun übertragen wir dieses Szenario auf den Aktienmarkt. Das Unternehmen, dessen Aktien Sie besitzen, ist heute an der Börse 20 Prozent weniger wert als gestern. Ihre Reaktion? Wahrscheinlich Panik. Sie bekommen Schweißausbrüche. Der Impuls, sofort zu verkaufen, um „zu retten, was zu retten ist”.

Dieses Phänomen ist in gewisser Weise der lebende Beweis dafür, dass der Homo Oeconomicus, jener stets rationale und seinen Nutzen maximierende Akteur aus Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre, wohl eine fiktive Figur ist. In der Realität sind wir Anleger Homo sapiens: Emotionale Wesen, deren Gehirnstrukturen sich über Hunderttausende von Jahren entwickelt haben, um vor Säbelzahntigern wegzulaufen, aber eben eher nicht, um komplexe Zinseszins-Mechanismen oder volatile Kursverläufe gelassen zu bewerten.

Unser Steinzeit-Erbe im Depot

Die moderne Finanzpsychologie deutet darauf hin, dass Finanzentscheidungen zu 90 Prozent emotional und nur zu 10 Prozent rational sind. Wenn die Aktienkurse im eigenen Depot steigen, schüttet das Gehirn ein Glückshormon namens Dopamin aus. Wir fühlen uns euphorisch, bestätigt und … gierig. Fällt der Markt, übernimmt nicht selten die Amygdala, das Angstzentrum. Der Körper schaltet in den „Fight-or-Flight“-Modus (Kampf oder Flucht), eine Stressreaktion.

An der Börse bedeutet „Flucht” dann meist den Verkauf von Aktien zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, wenn der Kurs am niedrigsten steht. Wer seine Altersvorsorge erfolgreich gestalten will, muss also nicht zuerst eine Bilanz analysieren lernen, sondern sich selbst und seine Psyche verstehen. Denn wer die Fallstricke kennt, kann sie aktiv umgehen oder aussitzen.

Die vier größten Anlegerfehler

Unser Gehirn nutzt Abkürzungen (Heuristiken), um die Komplexität der Welt zu bewältigen. Zwei Namen, die vielen im Zusammenhang mit Verhaltenspsychologie sicherlich schon einmal begegnet sind, sind Daniel Kahneman und Amos Tversky. Mein Leseempfehlung zu diesem Thema ist das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“. Aber zurück zum Thema: Auch wenn uns diese Heuristiken im Alltag helfen, kosten sie uns an der Börse nicht selten bares Geld.

1. Die Verlustaversion: Warum der Schmerz stärker wiegt

Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky haben herausgefunden, dass wir Verluste emotional etwa doppelt so stark empfinden wie Gewinne in gleicher Höhe. 100 Euro auf der Straße zu finden, freut uns. 100 Euro dagegen zu verlieren, schmerzt uns unverhältnismäßig mehr.

Die Folge: Viele Anleger „sichern“ kleine Gewinne viel zu früh, nach dem Motto: „Hauptsache, es bleibt grün.“ Gleichzeitig halten sie an Verlusten viel zu lange fest, in der Hoffnung: „Das erholt sich schon wieder.“ Man nennt dies den Dispositionseffekt. Wir schneiden die Blumen ab und gießen das Unkraut. Das ist für die langfristige Rendite fatal und führt dazu, dass viele Anleger im langfristigen Schnitt deutlich schlechter abschneiden als der breite Markt.

2. Der Ankereffekt: Die Magie irrelevanter Zahlen

Wenn wir unsicher sind, sucht unser Gehirn verzweifelt nach Referenzpunkten. An der Börse ist dieser „Anker” meist der eigene Einstandskurs eines Wertpapiers. Das Szenario: Sie kaufen eine Aktie für 100 Euro. Sie fällt auf 80 Euro. Rational wäre die Frage: „Ist das Unternehmen heute noch 80 Euro wert und hat es Zukunft?” Emotional sagen Sie jedoch: „Ich verkaufe erst, wenn sie wieder bei 100 Euro ist, damit ich keinen Verlust mache.“ Die 100 Euro sind für den Markt jedoch völlig irrelevant, denn sie existieren nur in Ihrem Kopf. Dieses Phänomen bindet oft über Jahre hinweg Kapital in wertlosen Anlagen. Dadurch entstehen hohe Opportunitätskosten: Das Kapital steckt in schwachen Positionen fest, obwohl es an anderer Stelle wortwörtlich besser investiert wäre.

3. FOMO und der Herdentrieb

Die „Fear of Missing Out“ (FOMO) bezeichnet die Angst, etwas zu verpassen. Wenn der Nachbar mit Kryptowährungen reich wird oder in den Medien ein neuer KI- oder Tech-Hype ausbricht, schaltet der rationale Verstand häufig einfach ab. Evolutionär sind wir gewissermaßen darauf programmiert, der Herde zu folgen, denn in der Steinzeit bedeutete Isolation oft den Tod. Auch die berühmte Tulpenblase ist ein solches Phänomen. Die Folge: Anleger kaufen oft dann, wenn die Gier am größten und die Kurse am höchsten sind (prozyklisch). Wenn die Blase platzt, folgt ein bitteres Erwachen. Warren Buffetts berühmtes Zitat „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und sei gierig, wenn andere ängstlich sind” ist eben genau deshalb so schwer zu befolgen, weil es gegen unsere soziale Natur verstößt.

4. Die Bestätigungsverzerrung (Confirmation Bias)

Wenn wir uns einmal eine Meinung gebildet haben (z. B. „Gold ist der einzig sichere Hafen”), neigen wir dazu, nur noch Informationen wahrzunehmen, die diese Meinung stützen oder bestätigen. Kritische Stimmen blenden wir aus. Das kann zu einer gefährlichen Selbstüberschätzung führen und oft zu einer mangelnden Streuung (Diversifikation) im Depot.

Das Altersvorsorge-Paradoxon: Wir wissen, aber wir  handeln nicht

Wir wissen, dass eine Investition in ein weltweit gestreutes Aktiendepot langfristig etwa sieben Prozent Rendite pro Jahr bringen kann und der Zinseszins unser bester Freund ist. Warum sorgen dann so viele Menschen nicht vor? Warum liegt das Geld auf dem Sparbuch und wird durch die Inflation entwertet? Auch hier spielt uns die Psychologie einen Streich, genauer gesagt die Zeitinkonsistenz oder der „Present Bias”.

Unser Gehirn bevorzugt eine Belohnung heute gegenüber einer Belohnung irgendwann in der Zukunft. Die Welt der Altersvorsorge ist abstrakt. Das „Ich“ in 30 Jahren fühlt sich für uns an wie eine fremde Person. Für diese Person heute auf Konsum zu verzichten (also Geld anzulegen), empfindet das Gehirn als Verlust. Hinzu kommt die Aufschieberitis (Prokrastination). Altersvorsorge ist wichtig, aber selten wirklich dringend. Es brennt nicht. Man kann es auch morgen erledigen. Oder nächsten Monat. Oder nächstes Jahr. Oder …

Gepaart mit der Angst, Fehler zu machen („Was, wenn ich den falschen ETF wähle?”), fühlen wir uns wie gelähmt. Wir tun lieber einfach nichts, als das Risiko einzugehen, etwas falsch zu machen. Dabei ist „Nichts tun” angesichts der Rentenlücke ironischerweise die riskanteste aller Entscheidungen.

Strategien, um das eigene Gehirn auf positive Weise zu überlisten

Die gute Nachricht ist: Wir können unser Gehirn gewissermaßen austricksen. Um erfolgreich Geld anzulegen, müssen wir keine emotionslosen Roboter werden. Wir brauchen lediglich ein System, das uns „vor uns selbst schützt“.

• Automatisierung ist der Schlüssel: Ein monatlicher Sparplan auf einen breit gestreuten ETF ist die beste Medizin gegen emotionale Entscheidungen. Das Geld wird abgebucht, bevor wir es überhaupt ausgeben oder bewusst auf dem Konto wahrnehmen können. Wir kaufen automatisch in schlechten Zeiten (günstig) und in guten Zeiten (teuer). Der sogenannte Durchschnittskosteneffekt (Cost-Average-Effekt ) gleicht die Einstiegspreise aus und erspart uns die Mühe des „perfekten Timings”.

• Feste Regeln: Wie Odysseus, der sich an den Mast binden ließ, um den Gesängen der Sirenen nicht zu folgen, brauchen wir feste Regeln. Legen Sie Ihre Anlagestrategie schriftlich fest, bevor es zu einer Krise kommt. Denn die kommt mit Sicherheit früher oder später. Praktisch kann das so aussehen: „Wenn der Markt 20 % fällt, erhöhe ich meine monatliche Sparrate.” oder „Ich prüfe mein Depot nur einmal im Jahr, zum Rebalancing.” Solche einfachen Leitplanken schützen davor, impulsiv zu handeln, und halten Sie automatisch in Ihrer langfristigen Strategie.

• Vom Ende her denken: Stellen Sie bewusst eine Verbindung zu Ihrem „Zukunfts-Ich” her. Überlegen Sie, wie Ihr Leben in 10, 20 oder 30 Jahren aussehen soll: Wo wohnen Sie? Wie möchten Sie Ihren Alltag gestalten? Welche Freiheit wünschen Sie sich finanziell? Je klarer dieses Bild wird, desto greifbarer wird auch Ihr Sparziel. Und plötzlich fühlt sich der heutige Verzicht nicht mehr nach Verlust an, sondern wie ein Beitrag zu etwas, das Ihnen wirklich wichtig ist.

• Medien-Diät: Viele Finanznachrichten sind auf Spannung und Dramatik ausgelegt, einfach perfekt, um Klicks zu erzeugen, aber schlecht für langfristige Entscheidungen. Wer jeden Tag auf Kurse schaut, füttert vor allem Angst, Stress und Aktionismus. Für die Altersvorsorge gilt jedoch: Wie viele Punkte der DAX heute hat, ist komplett irrelevant. Entscheidend ist, wo Ihre Geldanlage in 20 oder 30 Jahren steht. Weniger täglicher Nachrichtenkonsum bedeutet oft mehr Ruhe und somit auch bessere Entscheidungen.

Fazit: Vermögen entsteht im Kopf

Eine erfolgreiche Geldanlage und Altersvorsorge hängen weniger von Intelligenz oder Insiderwissen ab, als wir glauben, es ist eine Charakterfrage. Es geht um Disziplin, Geduld und die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu verstehen und zu kontrollieren. Wer begreift, dass Angst und Gier schlechte Ratgeber sind, und wer Mechanismen und Kniffe installiert, die diese Impulse umgehen, hat den wichtigsten Schritt zur finanziellen Freiheit bereits getan.


DIA-Kolumnistin Lisa Osada ist Gründerin von Aktiengram, Finanzbloggerin, Fachinformatikerin und SPIEGEL-Bestsellerautorin. Im Jahr 2020 gründete sie ihren erfolgreichen Finanzblog „Aktiengram“ und den gleichnamigen Instagram-Kanal, mit dem sie zehntausende Menschen motiviert, ihre finanziellen Ziele eigenverantwortlich zu erreichen.