Vom Finanzwissen zum Vorsorgehandeln

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13. Februar 2026

Vom Finanzwissen zum Vorsorgehandeln

Neue Wege in der Altersvorsorgekommunikation

Seit Jahren steht fest: Altersvorsorge braucht mehr Eigenverantwortung. Trotz aller Appelle bleibt private Vorsorge beharrlich hinter dem erforderlichen Niveau zurück. Höchste Zeit also für die Frage: Wie lässt sich mit kommunikativen Mitteln dem Paradoxon begegnen, dass dem Wissen um die Rentenlücke kein effektives Vorsorgehandeln folgt?

Dass etwas leichter gesagt ist als getan – wer würde behaupten, diesen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis nicht aus dem eigenen Lebensalltag zu kennen? Zumeist ist die Diskrepanz zwischen dem Fassen eines guten Vorsatzes und der tatsächlichen Durchführung allerdings nicht derart folgenschwer wie in der Altersvorsorge. Nichts Geringeres als gravierende Versorgungslücken bis hin zu Altersarmut drohen durch das Vorliegen der empirisch hinlänglich belegten Mind-Behavior-Gap: Menschen in Deutschland ist zwar die Notwendigkeit privater Vorsorge für das Alter bewusst, zugleich bleiben jedoch die entsprechenden Vorsorgeaktivitäten aus.

Mind-Behavior-Gap: Gesagt ist noch nicht getan

Das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit ist eine verhaltenstheoretische Merkwürdigkeit, die nicht nur im Bereich der Altersvorsorge zu beobachten ist. Auch beim Umwelt- und Klimaschutz ist die fehlende Verknüpfung von Problemwissen und (angemessenem) Handeln Grund zur Besorgnis: Man kennt das Problem, ebenso besteht kein Mangel an Lösungsideen, dennoch kommt die Menschheit nicht ins Tun.

Der Mensch, das zeigen Altersvorsorge und Klimawandel, zeichnet sich durch eine Trägheit aus, die ihm zum eigenen Nachteil gereicht. Welchen Ausweg gibt es aus dieser irrationalen Situation? Mit Hilfe klassischer ökonomischer Theorien ist das hartnäckige Bestehen der Rentenlücke nicht zu erklären. Ein Blick auf die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie, die sich vom Idealmodell des homo oeconomicus, dem streng rationalen Akteur verabschiedet und stattdessen von „begrenzter Rationalität“ ausgeht, könnte sich lohnen.

Aus dieser Perspektive gibt es vielfältige Gründe, weshalb gerade in puncto Altersvorsorge keine Brücke vom Wissen zum Handeln führt. Angesichts des komplexen, uneindeutigen Entscheidungsumfelds, das Altersvorsorge nun einmal darstellt, wird häufig der einfachste Weg gewählt: Aufschieben und Nichtstun. Begünstigt wird dieses Verhalten noch dadurch, dass Beiträge zur Altersvorsorge immer mit Ausgaben für aktuellen Konsum konkurrieren und gegenwärtiger Konsum stärker gewichtet wird als Konsumbedürfnisse im Alter. Dazu kommt noch, dass Finanzthemen oftmals als überfordernd erlebt werden und Menschen sich generell ungern mit ihrem eigenen Älterwerden befassen.

Aus verhaltensökonomischer Sicht spricht viel dafür, dass nicht ein Mangel an Finanzinformation und auch nicht das fehlende Bewusstsein der Existenz einer Rentenlücke die größten Hürden auf dem Weg zu adäquater Vorsorge bilden, sondern die dem Menschen eigene „Aufschieberitis“. Aus dieser Sicht kann es nicht überraschen, dass Appelle, die sich in der Regel an einen rationalen Entscheider wenden, nicht fruchten. Daher liegt der Gedanke nahe: Anstatt immer mehr Information zu verbreiten, ließe sich nicht besser an der Art und Weise ansetzen, wie informiert wird? Könnte Vorsorgehandeln nicht gestärkt werden, wenn sich die Instanzen der Informationsbereitstellung und Beratung – von der Bundesregierung und der Deutschen Rentenversicherung über Verbraucherzentralen und Arbeitgeber bis hin zu Internetportalen und Finanzberatern – das verhaltenswissenschaftliche Faktum zu Herzen nähmen, wonach die Art der Informationsdarstellung Einfluss auf das Handeln von Personen hat? Diese Frage nahm das DIA zum Ausgangspunkt, um in einer Studie alternative Möglichkeiten der Informationsaufbereitung zu beleuchten, sodass Informations- und Beratungsangebote mit größerer Wahrscheinlichkeit in ein Vorsorgehandeln münden.

Wie aus Wissen Handeln wird

Oftmals verhindern mangelnde Selbstkontrolle und Passivität im Entscheidungsverhalten die nötigen Vorsorgeaktivitäten. Um das Aufschiebeverhalten zu durchbrechen, könnten Informationen mit Hilfe sogenannter „Boosts“ leichter zugänglich gemacht werden. Damit sind Interventionen gemeint, die die Kompetenz der Informationsempfänger stärken. Beispielsweise unterstützen grafische Darstellungen, interaktive Animationen und Simulationen dabei, statistische Informationen besser zu verstehen sowie Risiken oder exponentielles Wachstum korrekt einzuschätzen. Anstatt trockene Zahlenreihen zu präsentieren wäre es auch möglich, mit Hilfe von What-If-Analysen Szenarien durchzuspielen, um deren Auswirkungen anschaulicher erfassen zu können. Zudem hat der Einsatz von Daumenregeln, Entscheidungsbäumen und prozeduralen Routinen in der Beratung den Vorteil, Unsicherheiten in der Auseinandersetzung mit Finanzthemen abzubauen und mittels begrenzter Informationen praktikable Vorsorgelösungen zu erreichen.

Altersvorsorgekommunikation beschränkt sich häufig darauf, generisches Informationsmaterial an die größtmögliche Zahl von Empfängern zu verteilen, ohne deren unterschiedliche Kompetenzen und Lebenssituationen zu berücksichtigen. Um Menschen auch wirklich „abzuholen“, reicht es nicht aus, bloß Aufmerksamkeit für die Absicherungsthematik zu erregen und grundsätzliche Handlungsoptionen darzulegen. Vielmehr müssen Menschen konkretes Wissen entwickeln, welche Optionen in der eigenen Situation angeraten sind. Informationen für die individuelle Situation der Betroffenen maßzuschneidern („Tailoring“) trägt dazu bei, eine zwingende Handlungsintention auszubilden und die entsprechende Handlung dann auch zu realisieren. Während ein solches Vorgehen in persönlichen Beratungssituationen selbstverständlich sein sollte, ist es in der Massenkommunikation ungleich schwieriger zu verwirklichen. Digitale Technologie und insbesondere künstliche Intelligenz eröffnen allerdings neue Potenziale für ein wirksames Tailoring von Vorsorgeinformationen.

Bereits winzige, unbedeutend scheinende Änderungen in der Art und Weise, wie ein Entscheidungsproblem beschrieben wird, können das Handeln systematisch beeinflussen. Für dieses als „Framing-Effekt“ bezeichnete Phänomen gibt es vielfältige Einsatzmöglichkeiten, um Vorsorgehandeln zu optimieren. So lässt sich etwa empirisch gut begründen, dass die häufig anzutreffende Rhetorik, die primär das Bedrohungspotenzial unterlassener Altersvorsorge und die Gefahr einer Versorgungslücke herausstellt, wenig zielführend ist. Als wirkungsvoller erweist sich die positive „Rahmung“ von Altersvorsorge: Werden die Vorteile rechtzeitig in Angriff genommener Aktivitäten betont, resultiert gesteigerte Selbstwirksamkeit. Wer mit der Überzeugung gewappnet ist, die zumeist als komplex empfundene Finanzplanung erfolgreich bewältigen zu können, wird eher entsprechende kognitive Anstrengungen unternehmen. Aus Untersuchungen ist zudem bekannt, dass erfolgreiches Framing niemals das „big picture“ aus dem Blick verliert, d.h. es ist hilfreich, Altersvorsorgeentscheidungen nicht isoliert darzustellen, sondern sie in den lebenslangen Kontext einzubetten.

Wenn es darum geht, Informationen in einen größeren Zusammenhang zu stellen anstatt kontextlose Details zu verabreichen, leistet auch Storytelling wertvolle Dienste. Wie in vielen anderen Bereichen – allen voran Marketing und Bildung – lässt sich auch in der Altersvorsorgekommunikation das Faktum nutzen, dass der Mensch ein geschichtenerzählendes Wesen ist. Vorsorgeinformationen in Alltagserzählungen einzubinden hätte handlungsorientierende Funktion und könnte überdies zu besserem Verständnis beitragen sowie – ohne erhobenen Zeigefinger – Erwartungen und Normen transportieren. Da Altersvorsorge stets den Blick in die Zukunft erfordert, helfen Erzählungen zudem dabei, den altersvorsorgenden Menschen auf die Reise vom aktuellen Standpunkt zu einem gesetzten Ziel mitzunehmen, indem sie die wünschbare Zukunft aufzeigen.