Den deutschen Finanzmarkt als heterogen zu beschreiben, ist stark untertrieben. Etwa 220.000 Finanzdienstleister tummeln sich in unserem Land.
Das Gros stellen Berater und Vermittler von Versicherungsprodukten mit ca. 180.000 Akteuren von denen ungefähr 40.000 unabhängig aufgestellt sind, also mit verschiedenen Unternehmen zusammenarbeiten. Weitere 40.000 Finanzanlagevermittler kommen hinzu, außerdem noch Vermögensverwalter und Honorarberater. In Deutschland gibt etwa 1.300 Banken. Den Hauptanteil stellen Volksbanken und Sparkassen. Zunehmend setzen Menschen für Informationen in unterschiedlichsten Lebensbereichen auf Angebote von Influencern. Im Segment Geldanlage zeigte eine Umfrage der Bafin, dass von 1.000 Befragten zwischen 18 und 45 Jahren mehr als 50 Prozent die sozialen Medien als verlässliche Quelle für Finanzfragen ansehen und Finfluencern folgen.
Grundsätzlich gibt es im Finanzbereich kaufmännische Berufsausbildungen oder rechtliche Erlaubnisse aus der Gewerbeordnung, die jeweils mit einer Abschlussprüfung bei der IHK zertifiziert werden. Auf der Internetseite, im Impressum eines Anbieters, sind diese dann sichtbar. Man kann dann erkennen, ob jemand zumindest in entsprechenden Fachbereichen geprüft wurde. Außerdem ist ein kurzer Lebenslauf, aus dem auch berufliche Stationen und zertifizierte Fortbildungen hervorgehen sollten, hilfreich.
Es sollte schon relevant sein, ob jemand in der Branche tätig war, eine entsprechende Ausbildung bzw. Weiterbildung hat oder gegebenenfalls auch längere Zeit als Wirtschaftsjournalist tätig war. Bei einigen Anbietern finden sich allerdings keine direkten Verweise oder Berührungspunkte zur Finanzbranche. Dieser Personenkreis unterliegt dann eben auch keinen entsprechenden Haftungsvorschriften.
Unseriöse Anbieter identifizieren
Im gesamten Finanzbereich gibt es auch unseriöse Anbieter. Daher sollte wenigstens ein Blick auf die Internetseite der BaFin geworfen werden. Unter der Rubrik „Verbraucher“ gibt es auch das Feld „Warnungen & Aktuelles“. Auch die Stiftung Warentest stellt eine „Warnliste Geldanlage“ zur Verfügung. Auf www.verbraucherzentrale.de finden sich ebenfalls Hinweise, um frühzeitig Warnsignale zu erkennen.
Im Segment der Finfluencer gibt es eine hohe Dichte an offensiven Marketingversprechen. Sobald mit Tipps für zweistellige Renditen in kurzer Zeit geworben wird und immer wieder die neuesten Hits propagiert werden: Finger weg! Das Gleiche gilt für selbsternannte Finanz-Coaches, die vom „richtigen Mindset“ faseln und völlig überteuerte Seminare ohne Inhalt verkaufen. Anbieter von Trading-Systemen oder Optionsmodellen, mit denen man in jeder Börsenlage Geld verdient, sollten genauso gemieden werden wie die Fokussierung auf nur ein einziges Asset, wie beispielsweise Krypto-Währungen.
Es gibt auch zunehmend Angebote, die sich speziell an Frauen richten. Interessentinnen sollten darauf achten, dass es sich wirklich um Finanzbildung und nicht um Motivations-Coaching oder Netzwerk-Aufbau handelt. Auch hier ist der berufliche Hintergrund der handelnden Personen zu prüfen. Sind Nutzer auch noch ausschließlich über soziale Medien im Internet unterwegs, leiten die entsprechenden Filter den Anwender auch immer auf ähnliche Seiten. Der Horizont wird dann nicht erweitert, sondern reduziert. Man muss stets darauf hinweisen: Jeder kann Influencer oder eben Finfluencer werden.
Finfluencer vs. arrivierte Finanzdienstleister
Finanzberater mit einer abgeschlossenen Bank- oder Versicherungsausbildung könnten theoretisch natürlich auch entsprechende Formate schalten. Es gibt auch große Fondsgesellschaften, die ihre Videos auf der eigenen Internetseite, aber auch auf YouTube veröffentlichen. Allerdings besteht bei ausgebildeten Fachleuten das Problem der Haftung. Daraus folgt, dass man tendenziell keine konkreten Hinweise zu Einzeltiteln oder Finanzprodukten wie Investmentfonds geben kann, weil es sich dann um eine Anlageberatung handelt. Fachleute müssen die Vorträge dann allgemeiner halten, häufiger den Konjunktiv verwenden und referieren eher zu volkswirtschaftlichen Themen oder geben grundsätzliche Hinweise zu einer Depotstruktur.
Interessierte, die Informationen fast ausschließlich aus Internet- Formaten ziehen, empfinden solche Vorträge dann schnell als zu unkonkret, langweilig und loben Finfluencer ohne Expertise und Berufserfahrung für ihre leicht verständlichen und direkten Empfehlungen. Vereinfachungen, Verkürzungen und direkte Sprache werden dann schnell mit Transparenz, Klarheit und Vertrauenswürdigkeit gleichgesetzt bzw. verwechselt. Weniger als sechs Prozent der Finfluencer wissen, wovon sie reden, ergab eine Studie vom Swiss Finance Institute aus dem Mai 2023. Hierfür wurden Prognosen von Finfluencern auf der Plattform Stocktwits ausgewertet, einer Social-Media-Plattform für Anleger. Knapp über die Hälfte der Finfluencer schneiden demnach schlechter ab als der Markt. Ungünstiger Nebeneffekt: Die als schlecht eingestuften Anbieter haben laut der Studie mehr Follower als die, die bessere Vorhersagen machen.
Für sich genommen ist das noch nicht mal ein Beleg für geringes Fachwissen. Auch gut ausgebildete Berater und Beraterinnen mit langjähriger Erfahrung liefern nicht immer eine bessere Performance als eine gewählte Benchmark. Allerdings verhindert hohe Beratungsqualität, dass Anleger viel zu hohe Risiken eingehen, signifikante Vermögensverluste erleiden oder sich verschulden. Zusätzlich verbessert sich das Know-how des Anlegers mit jeder ordentlichen Beratung. Oft gehen Finfluencer nur dieser Tätigkeit nach oder haben diesen Schwerpunkt, während Fachleute mit Reputation als Hauptberuf beispielsweise als Vermögensverwalter, Honorarberater oder Finanzanlagevermittler unterwegs sind. Für sie ist es dann eben noch ein zusätzlicher Aufwand, einen Informationskanal zu schalten.
Finfluencer als Vertriebsplattform für Produktanbieter
Auch im Finanzsektor gibt es Unternehmen, die mit Finfluencern kooperieren. Hier muss darauf geachtet werden, dass Werbung bzw. Kooperation ganz klar gekennzeichnet wird. Beliebt sind Partnerschaften mit Finanzdienstleistern, beispielsweise über Depot-Links, ETF-Plattformen oder Robo-Advisor-Modelle. Zumindest sollte man davon ausgehen, dass renommierte Unternehmen vorher die Qualität eines Finfluencers prüfen bevor der eigene Firmenname auf dessen Internetseite auftaucht.
Fazit: Grundsätzlich kann man die Qualität eines Finfluencers nur mit eigenem ordentlichen Basiswissen einschätzen. Allen Anlegern ist zu empfehlen, sich am Beginn des Vermögensaufbaus zumindest ein wenig mit der ausreichend vorhandenen Literatur zu beschäftigen und sich über Aktien, Anleihen, aktive und passive Fonds und Zertifikate zu informieren. Zu jedem Thema gibt es einfach gehaltene Einstiegsliteratur. Sie ist nicht teuer und ein paar Stunden sind gut investiert, schließlich geht es um die finanzielle Zukunft. Auch die Webseite der Stiftung Warentest bietet hilfreiche Lektüre. Im Shop unter der Rubrik „Geld“ finden sich aktuelle Informationsschriften zu verschiedenen Segmenten der Geldanlage.
Zusätzlich gibt es ordentliche Online- und Präsenzangebote von Volkshochschulen und Verbraucherzentralen. Auch bekannte Adressen, wie die Frankfurt School, bieten mehrtägige kostenpflichtige Fortbildungen für Privatanleger an. Hier werden gut strukturierte Seminare von zertifizierten Fachkräften angeboten. Das ist natürlich teurer, kostet aber immer noch weniger als einige Event- oder Trainingsveranstaltungen von selbsternannten Finanz-Coaches. Wenn die Themen Geldanlage, Altersvorsorge oder finanzielle Unabhängigkeit relevant sind, ist in jedem Fall Eigeninitiative und ein gewisser Zeitaufwand erforderlich. Die schnelle Suche über „soziale Medien“, nach einem Finfluencer mit einer hohen Follower-Zahl mag bequem sein, hemmt aber eher die Entwicklung der eigenen Finanzbildung.
Andreas Görler ist Senior Wealth Manager und zertifizierter Fachmann für nachhaltige Investments bei der -Wellinvest- Pruschke & Kalm GmbH is Berlin.