In Deutschland war und ist ein signifikanter Teil der Bevölkerung gleichzeitig in Beruf und Pflege eingebunden. Das hat neben physischen wie psychischen Belastungen auch Folgen für Einkommen und Altersvorsorge.
Nach Auswertungen des Institut der deutschen Wirtschaft pflegten insgesamt rund 5,65 Millionen Menschen andere Personen, etwa Angehörige oder Freunde. Das zeigen entsprechende Daten für das Jahr 2022 im Kontext Beruf und Pflege aus dem Sozio-oekonomischem Panel (SOEP). Von diesen Menschen befanden sich etwa 4,2 Millionen in einem Alter unter 66 Jahren und mussten ihre Pflegetätigkeit daher parallel zur Erwerbsarbeit leisten. Das zeigt: Pflege ist kein Randphänomen des Ruhestands, sondern betrifft vor allem das aktive Erwerbsleben großer Bevölkerungsgruppen. Bei den 18- bis unter 50-jährigen Pflegenden waren rund 75 Prozent erwerbstätig und arbeiteten im Durchschnitt 35 Stunden pro Woche. Gleichzeitig wendeten sie an jedem Werktag im Schnitt rund drei Stunden für Pflegetätigkeiten auf. Diese Doppelbelastung aus Erwerbsarbeit und Pflege ist damit nicht nur zeitintensiv, sondern berührt unmittelbar die Lebensrealität vieler Beschäftigter.
Beruf und Pflege: Veränderte Erwerbsarbeitsmuster

Pflegeverantwortung wirkt sich deutlich auf Erwerbsformen aus. Unter den pflegenden Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren übten knapp 45 Prozent eine Vollzeitbeschäftigung aus. Bei Nicht-Pflegenden lag dieser Anteil etwa 10 Prozentpunkte höher. Diese Differenz erklärt sich vor allem durch Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Während 60 Prozent der pflegenden Männer in Vollzeit arbeiteten, traf das nur auf 35 Prozent der pflegenden Frauen zu. Deutlich häufiger waren Pflegende mit erhöhtem Pflegeaufwand in Teilzeit beschäftigt, insbesondere unter den Frauen. Von ihnen arbeiteten mehr als 29 Prozent der Pflegenden im Erwerbsalter in Teilzeit; verglichen mit gut acht Prozent bei pflegenden Männern. Diese Unterschiede in der Erwerbsquote und beim Arbeitsumfang wirken sich direkt auf Einkommen und spätere Rentenansprüche aus. Wer aufgrund von Pflege weniger arbeitet, sammelt über die Erwerbsjahre hinweg weniger Entgeltpunkte für die gesetzliche Rentenversicherung und erhält eine geringere Rente.
Dynamik der Arbeitszeitänderungen
Die Daten zeigen außerdem, wie sich Erwerbsumfang und Pflegetätigkeit im Zeitverlauf verändern: Von denjenigen rund 1,9 Millionen Pflegenden, die in Vollzeit arbeiteten, bevor sie Pflegeaufgaben übernahmen, blieben etwa 90 Prozent auch danach in Vollzeit beschäftigt. Dies zeigt, dass viele Beschäftigte trotz Pflege ihre Erwerbstätigkeit aufrechterhalten. Gleichzeitig erhielten gut sieben Prozent zuvor nur Teilzeit oder waren gar nicht erwerbstätig und nahmen danach eine Vollzeit- oder Teilzeitstelle auf. Andererseits reduzierte eine große Gruppe ihre Arbeitszeiten langfristig: 625.000 Pflegende haben ihren Erwerbsumfang seit Beginn der Pflegetätigkeit reduziert, während 440.000 ihre Arbeitszeit trotz Pflege ausgeweitet haben . Diese Veränderungen zeigen, dass Pflege nicht nur eine statische Belastung ist, sondern dynamisch in Erwerbsbiografien eingreift.
Wunsch nach Rückkehr in den Beruf
Die IW-Analyse macht zudem deutlich, dass viele aktuell nicht erwerbstätige Pflegende wieder in den Arbeitsmarkt eintreten möchten. Unter den 18- bis unter 50-jährigen nicht Erwerbstätigen geben 63 Prozent an, sie würden „ganz sicher“ wieder arbeiten wollen. 23 Prozent sagen „wahrscheinlich“ . Das unterstreicht, dass fehlende Vereinbarkeitsoptionen oft der Grund für Arbeitsunterbrechungen sind – nicht generelle Erwerbsunlust.
Haushalt, Beruf und Altersvorsorge: Der vernetzte Stressfaktor
Die Ergebnisse aus der IW-Analyse machen deutlich: Die Doppelbelastung aus Beruf und Pflege betrifft Millionen Erwerbstätige und geht über eine zeitliche Belastung hinaus. Sie beeinflusst Erwerbsumfang, Arbeitszeitverteilung zwischen Voll- und Teilzeit, Einkommen und damit auch die spätere finanzielle Absicherung im Alter. Politik wie die Gesellschaft stehen damit vor der Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die einerseits Erwerbstätigkeit und Pflegetätigkeit vereinbar machen – und andererseits so ausgelegt sind Verluste in punkto Altersvorsorge zu verhindern. In Zeiten des demografischen Wandels und der erwarteten Zunahme pflegebedürftiger Menschen stellen sich damit voraussichtlich bleibende Herausforderungen.