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Von Zufallseltern und aufschiebenden Kinderlosen

Wissenschaftler brauchen auch für sehr praktische Aspekte des Lebens theoretische Modelle. Zum Beispiel fürs Kinderkriegen. Wann und unter welchen Umständen geschieht Familienplanung? Uta Brehm und Norbert F. Schneider vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung  in Wiesbaden suchten nach einer treffsicheren Erklärung.

Auslöser war die Unzufriedenheit mit den bisherigen Modellansätzen. Weit verbreitet ist die „Theorie des geplanten Verhaltens“. Sie geht davon aus, dass sich die potentiellen Eltern bewusst mit der Familienplanung auseinandersetzen und wohlüberlegte Entscheidungen treffen.

Damit verfehlten die Väter dieser Theorie aber ein Stück weit die Lebenswirklichkeit. Ein Viertel bis die Hälfte aller Geburten resultiert aus ungeplanten Schwangerschaften. So stand diese Theorie oft in der Kritik beziehungsweise musste Nachbesserungen erfahren. Die Folge: verschiedene Modelle existieren nebeneinander. Keiner ist so recht zufrieden damit.

Entscheidung auf dyadischen Pfaden

Daher schlagen die beiden Wissenschaftler ihr neues „Modell der Dyadischen Pfade“ vor. Das klingt schlimmer, als es in Wirklichkeit ist. Mit dem sperrigen Begriff „dyadisch“ weisen Brehm und Schneider lediglich darauf hin, dass es in der Regel zwei Menschen braucht, die sich für oder gegen ein Kind entscheiden. Diese Festlegung wiederum hängt von etlichen Faktoren ab: eigene Lebenserfahrungen in der Herkunftsfamilie, Motivation für ein Kind, gesellschaftliches und soziales Umfeld, die umgebende Kultur, der Freundeskreis.

Auch der Körper kann einen Strich durch die Rechnung machen

„So kann sich eine Person durchaus ein Kind wünschen, aber aus unterschiedlichen Gründen zu dem Schluss kommen, (zunächst) kein Kind zu wollen. Zum Beispiel aufgrund fehlender Unterstützung oder Betreuungsmöglichkeiten, einer offenen persönlichen, beruflichen oder finanziellen To-Do-Liste oder dem Gefühl, einfach noch nicht bereit zu sein“, schreibt Uta Brehm im Newsletter „Demografische Forschung aus Erster Hand“, in dem auf das neue Modell verwiesen wird. Schließlich kann auch der eigene Körper einen Strich durch schon gefasste Entscheidungen machen: durch ungeplante Schwangerschaften oder Unfruchtbarkeit.

Versöhnung der Theorie mit dem echten Leben

All diese Faktoren haben die beiden Wissenschaftler in einem Netz aus Entscheidungs- und Handlungspfaden zusammengefasst. 14 Varianten davon finden sie erwähnenswert: Da sind zum Beispiel die „gewollt Kinderlosen“. Für sie steht schon früh fest, dass sie keinen Nachwuchs wünschen. Die „aufschiebenden Kinderlosen“ haben den richtigen Zeitpunkt für ein eigentlich gewolltes Kind schlicht verpasst. Die „überzeugten Eltern“ entschieden sich dagegen schon sehr früh für mehrere Kinder. Die „Zufallseltern“ hingegen bekommen ungeplanten Nachwuchs und rutschten mehr oder weniger in die Elternrolle hinein.

Unbeabsichtigte Schwangerschaften ließen sich mit den bisherigen Modellen zum Beispiel nicht abbilden. Weil sie und andere bisher kaum berücksichtigte Handlungspfade aber durchaus zahlreich vorkommen, gebe das neue flexible Modell nun die Möglichkeit, die Theorie wieder mit dem echten Leben zu versöhnen und die Bandbreite der verschiedenen Ansätze zu vereinen, meinen Uta Brehm und Norbert F. Schneider.