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Kapitalmärkte und Kapitalanlagen

Die Börse im Blick: So wird investiert.

Kapitalmärkte und Kapitalanlagen | 9.2.2015 Drucken

Mehr Flexibilität bei den Altersgrenzen

Die Finanzierung der Altersversorgung mag momentan noch akzeptabel sein. Wolfram Gerdes erwartet jedoch erhebliche Probleme für die AV-Einrichtungen.

Eine Lösung sieht er in der Verlängerung der Lebensarbeitszeit und der Flexibilisierung der Alterseintrittsgrenzen. Beides sollte als Steuerungskriterien mit in die Gestaltung der Arbeit einbezogen werden.

Wolfram Gerdes - Mehr Flexibilität bei den AltersgrenzenMit welchen Erwartungen, vielleicht auch Sorgen schauen Sie auf das laufende Jahr?

Sorge Nummer eins ist das fast komplette Verschwinden von Zinsen für sogenannte „sichere Anlagen“. Das ist eine Herausforderung für das Geschäftsmodell der kapitalgedeckten Altersversorgung. Wir investieren natürlich nicht ausschließlich in Zinsanlagen oder gar „sichere“ Zinsanlagen. Aber die massive Intervention der Notenbanken im Zinsbereich hat Konsequenzen. Sie führt zu einer Parallelverschiebung in fast allen erwarteten Renditen nach unten.

Was bedeutet das für die Verpflichtungsseite von bAV-Einrichtungen?

Unter der Prämisse, dass sich die Zinsen auf Sicht von zehn bis 15 Jahren nicht auf höheren Niveaus bewegen, lassen sich Verzinsungsziele nicht halten. Wir sehen diesen Effekt aufgrund unserer langen Duration erst verzögert, unsere Zinsreserven reichen für einige Jahre. Wenn die Absenkung des Zinsniveaus jedoch nicht zyklisch begründet ist, sondern sich wie in Japan langfristig auf sehr niedrigem Niveau einpendelt, hat dies letztendlich Konsequenzen für die Leistungsprofile von bAV-Einrichtungen. Das lässt sich auch durch taktische Bewegungen auf der Kapitalanlageseite nicht auffangen. Das ist ein zentrales Thema, dem sich alle Einrichtungen in unterschiedlicher Intensität stellen müssen.

„Wir sind als Anleger momentan in einer schwierigen Situation.“

Die zehnjährige Bundesanleihe liegt derzeit unter einem halben Prozent …

…und die 20-jährige ist im Januar unter ein Prozent gerutscht. Ich mache mir schon Gedanken über die gesellschaftliche Signifikanz von Anlagemärkten, denn beim derzeitigen Zinsniveau kann man bei einer Bundesanleihe nicht mehr von einer Investition sprechen. Der Gedanke einer Geldinvestition ist es ja, Wachstum und Innovation zu finanzieren, und dabei auch einen Gewinn aus der Investition zu ziehen. Bis vor kurzem galt dieses Kriterium auch für den Kredit. Dieses Kriterium ist bei Null Prozent Zinsen nicht mehr erfüllbar. Der Kredit, den ich zum Beispiel der Bundesregierung gewähre, ist nur noch Geldverwahrung.

Die Idee, einem Staat Geld zu leihen, liegt ja auch darin begründet, dass der Staat damit Werte schafft, zum Beispiel Infrastruktur oder Schulen baut. Aber wenn ein Staat seine Schuldenquote – aus berechtigten Gründen – nicht mehr erhöhen oder gar zurückführen will, muss man das Geld an anderer Stelle investieren. Da sind wir momentan als Anleger in einer schwierigen Situation. Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung sind davon abhängig, dass laufend mehr Kredite nachgefragt werden. Wenn nun allseits politisch gefordert wird, dass die Staaten ihre Schuldenpolitik beenden, dann müssen wir andere Anlageformen finden, um das Altersvorsorgesystem langfristig tragfähig zu halten. Momentan sind wir in einem Zwischenstadium.

„Anleger müssen bereit sein, ihre Vermögensstruktur zu ändern. “

Auf EU-Ebene: Haushaltskonsolidierung auf der einen Seite, Austeritätspolitik auf der anderen. Das behindert Wachstum. Wie kommt man da heraus?

Ich habe keine Antworten parat. Fakt ist, dass man eine veränderte Politik einfordert, die zumindest die Historie der ständigen Erhöhung der Verschuldung eindämmt und stoppt. Ich kann aber keine Welt mit weniger Schulden und mehr Eigenkapital fordern, ohne nicht gleichzeitig auch die Anlagestrukturen zu beeinflussen, die diese Welt finanzieren. Wenn der Staat sich entschulden soll, dann heißt dies, dass Anleger ihre Mittel weg vom Staat hin in die Privatwirtschaft umschichten müssen. In einer Welt, die weniger auf Schulden basiert sein soll, müssen Anleger auch bereit sein, ihre Vermögensstruktur zu verändern. Das gilt insbesondere für die Systeme der Altersversorgung, da diese die Anlage eines sehr großen Anteils aller Ersparnisse verantworten.

Das sehe ich als große Herausforderung. Wir verlangen von unserer Welt, dass die Bilanzen reduziert werden, dass Banken ihr Geschäft durch Einsatz von Fremdkapital nicht mehr so stark hebeln, dass Staaten ihre Schulden reduzieren. Aber was bedeutet das? All dies bedeutet für den Anleger weniger Festgeld und mehr Eigenkapital. Das kann nur bei einer Anlegerschaft funktionieren, die bereit ist, höhere Eigenkapitalquoten zu tragen, sprich einen größeren Anteil am gesamtwirtschaftlichen Risiko zu übernehmen als bisher. Da sitzen wir in einer Falle, denn wir haben noch nicht die Frage beantwortet, wer dieses Eigenkapital zur Verfügung stellt.

Bislang ist es gängige Auffassung, dass bAV-Einrichtungen kein oder nur wenig Eigenkapital finanzieren, weil es um Altersvorsorge geht und älteren Menschen diese Risiken nicht aufzubürden sind. So passen beide Positionen nicht zusammen. In einer Welt, in der weniger Kredite nachgefragt werden sollen, Anleger aber in unverändertem Umfang Kredite finanzieren möchten, fallen gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage die Zinsen ins Bodenlose. Ich befürchte, dass das so bleibt. Es ist die Aufgabe einer ganzen Generation, hier zu einer neuen Vermittlung der wirtschaftlichen Risiken zu kommen.

Das Thema wird uns längerfristig verfolgen, weil es um weitreichende Veränderungen geht …

Wir sehen seit 2008 massive Bewegungen auf Seiten der verfügbaren Anlageinstrumente. Aber ich kann seitens der Finanzierungssysteme noch keine nennenswerte Bereitschaft erkennen, mit einer veränderten Asset Allokation auf diese Veränderungen zu reagieren. Das Resultat ist eine dramatische Spannung. Im Grunde können Altersvorsorgeeinrichtungen mit diesen Zinsen nicht leben. Aber viele, vor allem Versicherungen, haben momentan gar nicht die regulatorische Möglichkeit, sich stärker als in den letzten Jahren ins Risiko, sprich in die Eigenkapitalfinanzierung zu begeben.

Das ist regulatorisch und von der Risikowahrnehmung getrieben…

Ja, eigentlich möchte niemand mehr Risiko haben. Die Bank soll es nicht haben, und auch die Anleger sollen kein Risiko tragen. Aber die Wirtschaft braucht Risikobereitschaft in ungefähr derselben Höhe wie bisher, wenn sich ihre Leistungsfähigkeit und damit unser Lebensstandard nicht verschlechtern soll. Unser Leben und unser Wirtschaften sind als solches riskant. Nun hat die Schockwelle, ausgelöst durch die Finanzkrise, die Bereitschaft verändert, Risiko zu tragen. Wir haben noch kein neues Niveau gefunden, mit dem sich sowohl Anleger als auch Unternehmen wohl fühlen.

„Die Finanzierung der Langlebigkeit wird in Zukunft vernünftig gelöst.“

Wird sich eine neue Balance herausbilden?

Ich glaube, dass unsere Gesellschaft in den kommenden 30 Jahren hier zu einer neuen Sichtweise kommen wird. Deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass sich die Finanzierungssituation in der Altersversorgung entspannen wird. Heute gehen wir noch davon aus, dass die Problematik vom Kapitalmarkt gelöst werden muss. Das wird er so nicht leisten können. Ich bin aber überzeugt, dass weitere Instrumente, vor allen Dingen die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Flexibilisierung der Altersgrenze in den nächsten Jahren mehr und mehr in den Vordergrund rücken werden. Angesichts einer immer weiter steigenden Lebenserwartung liegt dies ohnehin nahe. Die Frage der Finanzierung der Langlebigkeit wird in Zukunft vernünftig gelöst. Aber primär nicht mit den Methoden von heute, weder durch Alpha- und Beta-Strategien oder Durationssteuerung noch durch dynamische Asset Allocation.

Wie stellen Sie sich diese Flexibilisierung vor?

Nehmen Sie einen Arbeitnehmer in der Mitte seines Lebens. Gegen Ende seines Berufslebens sagt er sich, dass er eigentlich noch Geld sparen müsste, weil die Rente wenig auskömmlich sein wird. Er spart, obwohl aus Wirtschaft und Politik das Signal kommt, er solle sich doch lieber heute etwas leisten und damit die Wirtschaft beleben. Der Mensch sagt sich jedoch ganz rational, mein Bedarf für das längere Leben im Alter ist nicht zu leugnen, und er verzichtet auf Konsum.

Hätte er nun die Flexibilität, zum Beispiel bis 68 zu arbeiten, hätte er eine alternative Option. Er könnte sich jetzt, für den heutigen Konsum entscheiden und diesen, entgegen bisheriger Planung, mit späteren zusätzlichen Arbeitsjahren finanzieren. Dann kommen noch ein, zwei oder drei Jahresgehälter hinzu, und die Rente wird sogar leicht höher, weil sie später losgeht.

Ich fände es spannend, den Arbeitnehmer in die Situation zu versetzen und ihn eine freie Entscheidung darüber fällen zu lassen, ob er lieber für zusätzlichen Konsum heute oder morgen länger arbeiten will. Momentan hat er diese Entscheidungsmöglichkeit nicht, weil zusätzliches Einkommen jenseits der Altersgrenze schwer zu erzielen ist. Daher machen viele Menschen eine Fehlallokation: Für einen früheren Rentenbeginn setzen sie sich in der Mitte des Lebens unter Druck. So ist die alte Welt: Erhöhte Arbeitsbelastung in der Lebensmitte für eine frühere Beendigung der Berufsphase. Das ist das Privileg.

Wenn aber Arbeit Spaß machen und erfüllend sein soll, ist das vollkommen widersinnig. Das Privileg sollte eigentlich sein, die Möglichkeit – nicht den Zwang – zu haben, länger zu arbeiten. Unter denjenigen, die dieses Privileg haben, davon bin ich überzeugt, würden viele eine andere Finanzplanung treffen.

„Der Hebel ist die Verschiebung der Altersgrenzen.“

Falls Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre Ihnen am wichtigsten?

Als Bürger wünsche ich mir, dass die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Flexibilisierung der Alterseintrittsgrenzen als bewusste Steuerungskriterien mit in die Gestaltung der Arbeit einbezogen werden. Die Finanzierung der Langlebigkeit, die ja ein Geschenk der Natur ist, lässt sich nicht mit Smart-Beta-, Low-Vola-Strategien oder ähnlichem lösen. Der Hebel, den wir als Gesellschaft haben, ist, die Altersgrenze zu verschieben. Dieser Hebel wirkt ungleich stärker, als alle schlauen Strategien von allen Asset Managern auf diesem Erdball zusammen.

Die Erfolgswahrscheinlichkeit einer verbesserten Finanzierung der Altersvorsorge durch eine Öffnung der Altersgrenzen ist auch plausibler und viel risikoloser erreichbar. Das ist zwar unpopulär, und ich mag heute noch naiv klingen, denn im derzeitigen politischen Umfeld ist der Handlungsdruck noch nicht hoch genug, um das zu erkennen. Ich bin aber überzeugt, dass die Folgegeneration anders über dieses Thema nachdenken wird. Ich würde mir wünschen, dass man eher früher als später an diese politische Diskussion herangeht.

Das Gespräch führte Martin Aehling.

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