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Kapitalmärkte und Kapitalanlagen

Die Börse im Blick: So wird investiert.

Kapitalmärkte und Kapitalanlagen | 5.12.2020 Drucken

Das Geheimnis der Reichmacherformel

Spätestens seitdem der Covid-19 Virus die Welt in Atem hält, ist exponentielles Wachstum den meisten Menschen ein Begriff.

Im Gegensatz zum linearen Wachstum steigt die Kurve im Zeitverlauf immer stärker an. Der große Physiker Albert Einstein soll fasziniert gewesen sein von der Exponentialfunktion. So unangenehm die Auswirkungen im Zusammenhang mit einer Pandemie sind, so angenehm ist dieser Effekt jedoch bei der Geldanlage. Der Zinseszins-Effekt beruht nämlich ebenfalls auf der Exponentialfunktion und der steckt auch in der sogenannten Reichmacherformel.

Zinseszins bedeutet, dass nicht nur das Anfangskapital Rendite bringt, sondern auch die einmal erzielten Wertzuwächse. Das potenziert das Kapital und führt zu exponentiellem Wachstum. Der Zinseszins beschreibt die Zinsen, die der Investor auf seine Zinsen erhält. Er ist der beste Freund, wenn es darum geht, das Vermögen zu vermehren. Jeder Euro an Zinsen, der nicht zur Auszahlung kommt, sondern wieder anlegt wird, führt dazu, dass das Kapital schneller wächst. Dann wird im nächsten Jahr nicht nur das Anfangskapital verzinst, sondern zusätzlich die wiederangelegten Zinsen. Dabei spielt die Zeit eine entscheidende Rolle.

Warren Buffet hat es vorgemacht

Auch das Vermögen von Warren Buffet wuchs exponentiell. Der Berkshire-Hathaway-Gründer startete seine Investment-Karriere im Alter von elf Jahren mit dem Kauf von drei Aktien und hatte schon mit 15 Jahren ein Nettovermögen von 6.000 US-Dollar erwirtschaftet. In seinen 30ern kam Buffett dann zu seiner ersten Million und mit 56 Jahren schaffte er die 1-Milliarde-Dollar-Hürde. Heute liegt sein Vermögen bei ca. 86 Milliarden US-Dollar. Damit zählt er zu den reichsten Menschen der Welt. Er gilt als der erfolgreichste Investor des 20. Jahrhunderts. Buffet ist ein Value-Investor. Seine Anlagestrategie ist langfristig ausgelegt.

Hohe laufende Erträge zahlten sich aus

Über seine Investmentfirma Berkshire Hathaway investiert er in funktionierende Geschäftsmodelle mit hohen laufenden und regelmäßigen Erträgen. Eine Strategie die sich auszahlt. Auf das gesamte Jahr gesehen, wächst das Vermögen von Warren Buffett um knapp 13,5 Milliarden US-Dollar. Rechnet man dies herunter, verdient Buffett jeden Tag etwa 36,99 Millionen US-Dollar, was einem Plus von rund 428 US-Dollar pro Sekunde entspricht. Dabei lebt er nach wie vor sehr bescheiden. Er wohnt immer noch in dem gleichen Haus in Omaha, das er im Jahr 1957 für 31.500 US-Dollar gekauft hat.

Die Börse ist langfristig erstaunlich stabil

Als Value-Investor hat Warren Buffet vermutlich verstanden, das die Börse bei allen Unwägbarkeiten über längere Zeiträume ein erstaunlich stabiles Muster aufweist. Auf Sicht von Jahrzehnten können Investoren mit Wertsteigerungen innerhalb einer gewissen Bandbreite rechnen. Die Aktienmärkte aller großen Volkswirtschaften erzielten in den letzten 100 Jahren durchschnittlich eine Rendite zwischen sieben und zwölf Prozent pro Jahr und vor Inflation.

Schneller Überschlag mit der 72er Regel

Das Zusammenspiel von Rendite und Zeit ist entscheidend für den langfristigen Vermögensaufbau. Daraus hat sich eine einfache Faustformel abgeleitet. Die 72er-Regel zeigt dem Investor, wie lange er braucht bis sich sein Vermögen verdoppelt hat. Viele sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Reichmacherformel. Dabei ist es einfache Finanzmathematik, die auf dem Zinseszinseffekt beruht. Teilt man nämlich 72 mit der erwarteten Rendite, ist das Ergebnis die Anzahl der Jahre bis sich das Kapital verdoppelt hat. Das Ergebnis stimmt zwar nicht für alle denkbaren Renditen, aber für die üblichen. Die Formel liefert bis etwa 16 Prozent eine gute Annäherungslösung, wird dann aber zunehmend ungenauer.

Rechnung offenbart ernüchternde Fakten

Bei einer Geldanlage, die sich mit vier Prozent verzinst, dauert es demnach ungefähr 18 Jahre bis zur Verdopplung. Einfach zu merken ist, dass man nach etwas mehr als zehn Jahren und einer durchschnittlichen Rendite von sieben Prozent das Kapital verdoppelt hat. Selbstverständlich ersetzt eine solche Formel keine Anlagestrategie. Aber sie zeigt an, ob ein Sparziel realistischerweise innerhalb der Ansparzeit zu erreichen ist.

Vor allem aber bietet sie einen wichtigen Erkenntnisgewinn. Die Formel offenbart nämlich auch ernüchternde Fakten. Nach wie vor investieren viele Anleger ihr Kapital zu konservativ. Aber die Zinssätze für Spar-, Tagesgeld- und Festgeldanlagen sind seit Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau. Eigentlich sind diese Anlegerlieblinge zu renditefreien Instrumenten mutiert. Im besten Fall reichen sie noch zum Kapitalerhalt nach Inflation. Immerhin dauert es 72 Jahre bei einer Rendite von einem Prozent, bis sich das angelegte Kapital verdoppelt hat. Wo bekommt man heute noch ein Prozent auf das Tages- oder Festgeld? Beim Sparbuch liegt die durchschnittliche Rendite übrigens bei 0,02 Prozent. Nach der Reichmacherformel dauert es damit 3.600 Jahre bis zur Verdopplung.

Steile Kurve statt Wellenbrecher

Die Pandemie führt uns derzeit leider die negativen Seiten der Exponentialformel vor Augen. Die Corona-Neuinfektionen schnellten bundesweit in die Höhe, belasten das alltägliche Leben und bedrohen unseren Wohlstand. „Flatten the curve“ – „macht die Kurve platt“ lautet die Parole, um die Pandemie zu bekämpfen. In der Kapitalanlage dagegen braucht es keinen Wellenbrecher. Hier kann die Kurve nicht steil genug sein. Um langfristige Renditen von sieben oder acht Prozent zu erzielen, braucht es keine extremen Risiken. Ein gut diversifiziertes Portfolio aus globalen Aktien und Anleihen ist dafür eine gute Grundlage.


Markus Richert

Gastautor Markus Richert ist CFP® und Seniorberater Vermögensverwaltung bei der Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH in Köln.

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