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Gesetzliche Rente

Auf Generationen gebaut: So zahlen die Jungen für die Alten.

Gesetzliche Rente | 10.3.2015 Drucken

Module für eine flexiblere Arbeitswelt

Während die Kommission der beiden Regierungsparteien, die Vorschläge zur Flexibilisierung des Rentenübergangs erarbeiten soll, schon seit Monaten auf der Stelle tritt und selbst kleinste Kompromisse nicht zustande bringt, denken manche Wissenschaftler das Rentensystem ziemlich radikal neu.

Zum Beispiel Prof. Hans-Peter Schwintowski, der an der Humboldt-Universität zu Berlin einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Handelsrecht, Wirtschaftsrecht und Europarecht hat. Nach seiner Auffassung ist das Konzept einer starren Regelaltersgrenze in der heutigen Form nicht mehr zu halten.

Hans-Peter Schwintowski - Module für eine flexiblere ArbeitsweltSchwintowski führt dafür unter anderem Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes ins Feld. Danach sind vor allem zwei Rechtfertigungsgründe für eine gesetzliche und/oder tarifvertragliche Regelaltersgrenze auszumachen: zum einen die Altersrente am Ende der beruflichen Laufbahn als Ersatz für das bisherige Einkommen und zum anderen die Eindämmung der Arbeitslosigkeit jüngerer Arbeitnehmer bei Verrentung der älteren. Den ersten Grund stellt er unter anderem durch die Absenkung des Absicherungsniveaus der Gesetzlichen Rentenversicherung in Frage. Sie werde in Zukunft allenfalls eine Grundsicherung leisten können. Der zweite Grund werde durch die demografische Entwicklung obsolet. Am Arbeitsmarkt bestehe bereits ein Bedarf an Arbeitnehmern, der mit jüngeren Arbeitskräften gar nicht mehr gedeckt werden könne.

Gleitende Übergänge zwischen Arbeit und Rente

Prof. Schwintowski unterbreitet daher zwei weitreichende Vorschläge, mit denen statt eines starren Zeitpunktes für den Rentenbeginn gleitende Übergänge zwischen Arbeitsleben und Rentenphase möglich werden sollen: eine fähigkeitenbasierte Modularisierung der Arbeitswelt und ein schrittweises Ausgleiten aus dem Arbeitsleben. „Ein Hauptproblem nach dem Eintritt des Rentenalters besteht doch darin, dass Arbeitnehmer auf einem völlig freien Arbeitsmarkt nach Beschäftigungsmöglichkeiten suchen, die auf ihre bisherige Berufstätigkeit kaum oder nur schlecht passen. Umgekehrt wissen die Arbeitgeber regelmäßig nicht, über welche Fähigkeiten die Arbeitnehmer verfügen, die gerade in Rente gegangen sind“, beschreibt er die gegenwärtige Situation. Diese Unwissenheit beruht vor allem auf dem Umstand, dass es sich bei Beschäftigungsverhältnissen im Rentenalter regelmäßig um neu begründete handelt, da die ursprünglichen Arbeitsverhältnisse mit Erreichen des Rentenalters enden.

Schlummernde Fähigkeiten nutzbar machen

Den Hauptgrund für diese mangelhafte Passfähigkeit sieht Schwintowski in den feststehenden Berufsbildern, die einerseits die Qualifizierung von Arbeitnehmern ermöglichen, andererseits aber auch zu einer Erstarrung führen. „Wir sollten deshalb über einen modularisierten, fähigkeitsbasierten Ansatz der Arbeitsmärkte nachdenken. Arbeitnehmer können in der Regel sehr viel mehr, als es ihre Berufsbilder verraten“, meint er und führt als Beispiele Fremdsprachen, IT-Kenntnisse oder Erfahrungen in der Berufsausbildung an. „In allen Menschen, die am Arbeitsmarkt tätig sind, schlummern Fähigkeiten, die am Arbeitsmarkt zurzeit nicht genutzt werden, die aber nutzbar gemacht werden könnten.“

Arbeitsmarkt würde durchlässiger

Ein modularisierter, fähigkeitsbasierter Arbeitsmarktansatz ermögliche, dass sich Arbeitnehmer diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens permanent und kontinuierlich zertifizieren lassen können. Das Arbeitsmarktsystem würde durchlässig, es bestünden Anreize zur fortlaufenden Verbesserung von Fähigkeiten und zum Erwerb neuer. Zugleich könnten Arbeitgeber in völlig anderer Weise Arbeitnehmer nachfragen. Er illustriert dies an einem Beispiel: „Ein Arbeitgeber, der nach guten Verkäufern sucht, tut dies regelmäßig innerhalb seiner Branche, ohne zu wissen, dass es häufig in anderen Bereichen hochtalentierte Verkäufer gibt. Wer also Menschen mit Kundenkompetenz sucht, ist nicht mehr auf seine eigene Branche beschränkt, sondern kann aus allen Lebensbereichen fischen. Umgekehrt kann jeder Arbeitnehmer, der bestimmte Fähigkeiten hat, diese zertifizieren lassen und damit auch anbieten.“ Auf diese Weise werde die Regelaltersgrenze durchlässig und im Ergebnis wohl auch überflüssig.

Reduzierung der Stundenzahl im Alter

Flankierend zum fähigkeitsbasierten Arbeitsmarktansatz schlägt Schwintowski ein langsames Ausgleiten aus dem Arbeitsleben vor. Er unterteilt dafür das Arbeitsleben in zwei Phasen. In der ersten orientieren sich die Arbeitnehmer bereits an ihren Fähigkeiten und lassen sich diese zertifizieren. In der zweiten Phase, die beispielsweise ab 55 Jahren beginnen könne, stehe eine Art Grundrente zur Verfügung, die zu Beginn dieser Arbeitsphase allerdings sehr gering ausfalle.

Das sieht auf den ersten Blick nach einem Modell zur Frühverrentung aus, wird von Schwintowski aber keinesfalls so verstanden. Vielmehr zielt er damit gerade darauf ab, Menschen länger im Arbeitsprozess zu halten. „Von bestimmten Altersgrenzen an würde man ein langsames Ausgleiten aus dem Arbeitsmarkt strukturell vorsehen, etwa ab 60 Jahren Reduktion der Regelarbeitszeit auf sechs Stunden, ab 65 auf vier Stunden, ab 70 auf drei Stunden, ab 75 auf zwei Stunden, jeweils mit Rentenausgleich.“ Auch andere Szenarien seien denkbar. Wichtig ist ihm dabei, dass an die Stelle des starren Systems mit fixem Rentenalter ein flexibles tritt, das den Lebensbiografien angepasst werden kann und gleichzeitig den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes dient. „Ein solches System würde die jüngere Generation von ihren exorbitanten Soziallasten zwar nicht befreien, aber doch stark entlasten. Die großen Sozialversicherungssysteme wären wieder finanzierbar.“

Ansparprozess von Geburt an

Die Grundsicherung soll nach den Vorstellungen von Schwintowski bereits von Geburt an aufgebaut werden. Wegen der langen Laufzeit und des Zinseszinseffektes wären dann vergleichsweise geringe Beträge erforderlich. Gemeinsam mit einigen Kollegen aus der Wissenschaft hat er schon vor einiger Zeit auch dafür einen Vorschlag unterbreitet (siehe „Die 1.000-Euro-Rente“), wohl wissend, dass sein Konzept des Ausgleitens aus dem Arbeitsmarkt auch Auswirkungen auf das Rentensystem haben muss.


Für eine grundlegende Erneuerung des deutschen Rentensystems plädierte Prof. Hans-Peter Schwintowski bereits vor einiger Zeit gemeinsam mit seinem Kollegen Raimond Maurer, Professor für Finanzwissenschaft in Frankfurt, und Prof. Stephan Breidenbach von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Nach ihren Vorstellungen soll sich der Staat auf seine Schutzverantwortung gegenüber den Bürgern konzentrieren. Das heißt: Ab einem Alter von 65 bis 70 Jahren erhält jeder eine Grundversorgung von 500 Euro umlagefinanziert aus Steuern und zusätzliche 500 Euro aus einer neuen Kapitalanlage. „Jeder weiß dann, dass es im Alter 1.000 Euro pro Monat gibt, wer mehr will, muss auch mehr tun“, schildert Schwintowski den Kern seines Rentenkonzepts. Mehr zu 1.000-Euro-Rente.


 

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