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Demographie

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Demographie | 22.9.2014 Drucken

Wie wollen wir die Pflege organisieren?

Die Erwerbsbeteiligung pflegender Frauen weist große Heterogenität auf.

Bislang ging man davon aus, dass Erwerbstätigkeit von der Pflege unterbrochen wird und nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen wieder aufgenommen werden kann. Das ist keineswegs so, erklärte Christin Czaplicki im Gespräch mit dem Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA)

Christin CzaplickiWas hat Sie bei Ihren Auswertungen am meisten überrascht?

Ein Ziel meiner Untersuchungen besteht darin, die Variabilität in den Pflege- und Erwerbsverläufen von Frauen aufzudecken. Pflegende sind in unserer Vorstellung eine sehr homogene Gruppe:

Es sind vorwiegend Frauen, die in traditionellen Familienmodellen mit einem männlichen Ernährer leben, die Sorgearbeiten übernehmen und keiner Erwerbstätigkeit nachgehen.

Dies entspricht allerdings nicht mehr der weiblichen Lebenswirklichkeit, in der 2012 die Frauenerwerbstätigkeit 71,5 Prozent betrug und damit seit 2002 um ca. zehn Prozent gestiegen ist.

Die Fragen, die wir uns vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen und der gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen stellen müssen, lauten:

1. In welcher Weise sind pflegende Frauen in den Arbeitsmarkt integriert?

2. Kombinieren Frauen Pflege mit einer Erwerbstätigkeit?

3. Welche Rolle spielt hierbei der bisherige Lebens- und Erwerbsverlauf.

Bisher wurde davon ausgegangen, dass die Erwerbstätigkeit durch die Pflege unterbrochen und nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen wieder aufgenommen wird.

Die Ergebnisse meiner Analysen zeichnen jedoch ein sehr viel differenzierteres Bild von verschiedenen Pflege- und Erwerbsverläufen und deren Kombinationen im Zeitverlauf. Bemerkenswert ist dabei die Vielfalt an Kombinationen von Pflege und Beruf, die belegen, dass Frauen unterschiedlichere Strategien verfolgen, als es die bisher postulierten Kategorien von Erwerbstätigkeit und Nichterwerbstätigkeit suggerieren. Überraschenderweise ähneln sich vor allem westdeutsche Frauen hinsichtlich ihrer Vereinbarkeitsstrategien sowie der Erwerbsquoten über alle beobachteten Geburtskohorten hinweg, was in Ostdeutschland nicht der Fall ist. In Ostdeutschland deuten die bisherigen Ergebnisse darauf hin, dass sich die Erwerbsquoten der pflegenden Frauen aus den jüngeren Geburtskohorten an das Niveau der westdeutschen annähern. Die Auswertungen belegen damit sehr deutlich die Heterogenität der Pflegenden in Bezug auf ihre Erwerbsbeteiligung.

Welche weiteren Zusammenhänge zwischen Erwerbstätigkeit und Pflege sollten Ihrer Meinung nach in anschließenden Auswertungen untersucht werden?

Hinsichtlich des Zusammenhangs von Pflege und Beruf sowie den Kombinationsmöglichkeiten und deren Strukturen und Dynamiken im Zeitverlauf wissen wir bisher noch sehr wenig und es besteht ein umfangreicher Forschungsbedarf in mehrfacher Hinsicht. Die häusliche Pflege ist nach wie vor die am häufigsten gewünschte Betreuungsform von Betroffenen und ihren Angehörigen. Damit die gewählten Betreuungs- und Erwerbsarrangements stabil und von Dauer sind, benötigen die Angehörigen der Pflegebedürftigen verlässliche sozialpolitische Instrumentarien, die die konkreten Lebenslagen aller am Pflegesetting beteiligten Akteure berücksichtigen.

Um solche Instrumente zu entwickeln, müssen künftige Untersuchungen das komplexe Zusammenspiel der Lebensverhältnisse von Pflegenden und Pflegebedürftigen, deren zeitliche und ökonomische Ressourcen sowie die rechtlichen, betrieblichen und sozialen Rahmenbedingungen, in denen die Pflege- und Erwerbsarrangements organisiert sind, berücksichtigen. Um diese Untersuchungen umsetzen zu können, wird es in den kommenden Jahren zunächst darum gehen müssen, geeignete Daten zu erheben, die alle nötigen Informationen im Zeitverlauf enthalten, um das komplexe Zusammenspiel von institutionellen, sozialen, ökonomischen und gesundheitlichen Faktoren und deren Einfluss auf die Stabilität und Dauer von Pflegearrangements zu untersuchen. Ein wichtiger Aspekt in Bezug auf die Pflege- und Erwerbsmodelle ist beispielweise der Haushaltskontext der Pflegenden. Hier stellt sich die Frage, über welches Einkommen Pflegehaushalte verfügen. Dies kann ein entscheidender Einflussfaktor für das gewählte Pflege- und Erwerbsarrangement sein. Wenn z.B. nicht auf das Einkommen des Pflegenden verzichtet werden kann und ein Pflegefall in der Familie vorliegt, kommt die Aufgabe der Erwerbstätigkeit vermutlich nicht in Frage und die Pflege wird in die bestehenden Erwerbsstrukturen integriert.

Insgesamt bin ich der Meinung, dass wir nur mit umfassenden Informationen, die gleichzeitig die Lebensbedingungen der Pflegenden und die entsprechenden Kontextfaktoren der Pflege- und Erwerbsarrangements abbilden, in der Lage sind, die Lebens- und Erwerbssituation von Pflegenden umfassend zu beschreiben und die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf nachhaltig zu verbessern.

Bei der Erwerbstätigkeit von Frauen lässt sich ein Wandel beobachten, zum Beispiel in Form einer steigenden Erwerbsbeteiligung. Haben diese Veränderungen Einfluss auf die Pflege und deren Kombination mit dem Beruf

Erwerbsverläufe sind durch eine Vielzahl von Wandlungsprozessen gekennzeichnet. Neben der gestiegenen Erwerbsbeteiligung vor allem westdeutscher Frauen beobachten wir bereits seit den 1980er Jahren eine kontinuierliche Ausweitung von atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Atypische Beschäftigung umfasst unterschiedliche Formen von Beschäftigung, die vom Normalarbeitsverhältnis, das durch Vollzeitbeschäftigung mit einem existenzsichernden Einkommen und umfangreichen Sozialversicherungsansprüchen verknüpft ist, abweichen. Es handelt sich dabei um befristete, geringfügige und Teilzeitbeschäftigung sowie um Beschäftigung im Niedriglohnsektor. Die Entwicklungen zeigen, dass überwiegend Frauen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen angestellt sind. Vor diesem Hintergrund scheint es hinsichtlich der Kombination von Pflege und Beruf plausibel, dass pflegende Frauen immer häufiger eine Erwerbstätigkeit mit der Pflege kombinieren werden. Die Frage wird jedoch sein, welche Qualität und welchen Umfang diese Erwerbstätigkeit haben wird. Während durch sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse die Integration in den Arbeitsmarkt und die soziale Absicherung gewährleistet ist, ist dies bei der Ausübung von atypischen Beschäftigungsverhältnissen nicht immer der Fall. Hinsichtlich der Arbeitszeit weisen Untersuchungen darauf hin, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit eine weit verbreitete Strategie zur Kombination von Pflege und Beruf ist, wodurch die Kombination von Pflege und Teilzeitbeschäftigung weiter zunehmen dürfte.

Was dabei nicht außer Acht gelassen werden darf, ist, dass auch Männer von der Ausweitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse betroffen sind und sie sich gleichzeitig immer häufiger an Sorge- und Pflegearbeiten beteiligen. Davon ausgehend gewinnt die Frage nach den Kombinationsmöglichkeiten von Pflege und Beruf auch für Männer mehr und mehr an Bedeutung. Gelingt es nicht, die Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit durch geeignete Instrumente zu fördern, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Pflege zukünftig nicht mehr durch informelle Pflegepersonen übernommen wird, sondern zunehmend durch professionelle Pflegekräfte, die die Leistungen im häuslichen Umfeld oder aber in einem institutionellen Betreuungsarrangement erbringen. Es bleibt daher die Frage, wie wir als Gesellschaft Pflege organisieren wollen und welche Versorgung wir uns für unsere Pflegebedürftigen leisten wollen.


Christin Czaplicki gehört zum Wissenschaftlerteam des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Sie ist unter anderem am Projekt „Neue Perspektiven der Alternsforschung: Verknüpfung von SHARE mit administrativen Daten und Biomarkern“ beteiligt.


Das Munich Center for the Economics of Aging (MEA) antizipiert und begleitet mikro- und makroökonomische Aspekte des demografischen Wandels. Durch den Aufbau von empirischen Modellen und daraus folgenden Prognosen leitet das MEA Handlungsempfehlungen für Wirtschaft und Politik ab. Es ist in zahlreiche internationale Forschungsnetzwerke eingebunden.

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