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Demographie

In die Zukunft geschaut: So altert und schrumpft unser Land.

Demographie | 2.5.2019 Drucken

Sehnsüchte nach einer nie dagewesenen Zeit

Altersvorsorge, Altersgrenzen, Altersarmut – viele Fragen drehen sich um das Alter. Doch was ist eigentlich das Alter und wann gilt man als alt?

Der moderne Individualismus hat den Zusammenhalt zwischen den Menschen angegriffen oder gar zerstört, was sich insbesondere in der Familie zeigt.

GenerationenFrüher haben noch alle Generationen unter einem Dach gelebt, einander unterstützt, sich mit Rat und Weisheit oder mit den Händen eingebracht. Heute wahrt man Distanz und steht kaum noch füreinander ein. So heißt es. Doch diese These hakt bereits im historischen Teil. Vieles, was wir über das vorindustrielle Familienleben im Alter denken, erweist sich als nostalgische Fiktion einer Zeit, die es in dieser Form nie gegeben hat.

Kein vorherrschender Haushaltstyp

Weder in der Stadt noch auf dem Land hat es im vormodernen Mitteleuropa einen dominanten Haushaltstyp für alte Menschen gegeben. Viele der über 65-jährigen lebten entweder allein, mit Partnern, mit Geschwistern oder auch mit unverheirateten Kindern. Zensusdaten aus England zeigen, dass vor der Industrialisierung je nach ländlicher Region nur rund 20 Prozent der Alten mit verheirateten Kindern lebten – also im vielbeschworenen „Dreigenerationenhaushalt“. Im ländlichen Frankreich waren es zwar bis zu 50 Prozent, doch die andere Hälfte der Alten lebte auch dort nicht mit den Kindern.

Schon damals wollten Menschen lange unabhängig bleiben

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zunächst einmal die statistischen Rahmenbedingungen: In den meisten Ländern Nord- und Westeuropas blieben rund 20 Prozent der Ehen kinderlos. Auch starben nicht selten die Kinder vor den Eltern, so dass im hohen Alter rund ein Drittel der Menschen keine lebenden Kinder mehr hatte. Weiterhin wollten damals wie heute alte Menschen solange wie möglich unabhängig und selbstständig sein, also vor allem auch alleine wohnen.

Autoritätskonflikte beim Zusammenleben

Ein Zusammenleben von Eltern und erwachsenen verheirateten Kindern erschien allen Seiten als potenziell schwierig. Nicht zuletzt aufgrund drohender Autoritätskonflikte – wer hat beispielsweise das letzte Wort? Der Älteste oder der Hausherr? – sind alte Mensch häufig lieber mit Freunden als den eigenen Kindern zusammengezogen. Die nicht selten schlechte Behandlung, die alte Menschen im Haushalt der eigenen Kinder erfuhren, in der Literatur zum Beispiel im Le père amable von Zola verewigt, deuteten auf ein Vertrauensverhältnis hin, das man eher nicht überreizen wollte.

Arme Alte hatten wenig Erwartungen

Auch die materielle Lage beeinflusste die Haushaltssituation. Reiche Menschen konnten sich auch im Alter Dienerschaft leisten und ihre meist ebenfalls reichen Kinder hatten auch Zeit für regelmäßige Besuche. Arme Alte hatten meiste auch arme Kinder. An diese gab es aber aufgrund der dauerhaft prekären Lage keine gesellschaftliche Erwartung, sich neben der Arbeit und der Erziehung der eigenen Kinder zusätzlich um die eigenen Eltern zu kümmern. Selbst die häufig als besonders hart betrachtete Armengesetzgebung in England sah nur sehr eingeschränkte Verpflichtungen gegenüber den Eltern vor. Dass man sie zu Hause  aufnahm, war nur in Krisenzeiten eine moralisch gebotene Option: zum Beispiel bei schwerer Gebrechlichkeit in den meist letzten Lebensmonaten.

Rotkäppchens Großmutter lebte allein

Daraus folgt nicht, dass Kinder und Eltern einander nicht wertschätzten. Allerdings sah man die Schwierigkeiten einer zu engen und dauerhaften räumlichen Nähe. Das Zauberwort war, wie Rosenmayr und Köckeis sagten, die „Intimität auf Abstand“. Falls das alles sehr überraschend erscheint, bietet sich ein Blick in die vorindustrielle Literatur an. In Grimms Hausmärchen kommt die Großmutter nur in zwei Märchen vor, im berühmteren der beiden, Rotkäppchen, ist sie kein Akteur. Sie spricht und handelt nicht, sondern wird direkt zu Beginn vom Wolf gefressen. Vielleicht noch bezeichnender sind aber ihre Lebensumstände, die die Zeitgenossen wohl wenig überrascht haben. Die Großmutter ist alt und krank und lebt trotzdem allein im Wald, anstatt zur Tochter und Enkelin zu ziehen.

Sehnsucht nach einer besseren Ordnung

Als selbstständige Figur hat die Großmutter erst seit den 1860ern langsam, ab den 1880ern zunehmend Konjunktur. Die industrielle Revolution veränderte die Lebensverhältnisse rasant und befeuerte so auch die Sehnsucht nach einer besseren, ursprünglichen Ordnung. Wie Gerd Göckenjan, emeritierter Professor der Universität Kassel sagt, wurden die Alten zu einem „Symbol für die gute alte vergangene Zeit mit tieferen, menschlicheren Qualitäten, die offenbar beschworen werden müssen“.

Rentenpolitik in größeren Rahmen

Manche Zeitgenossen haben heute das Gefühl, dass wir uns wieder den Umständen im Märchen annähern: Wahlweise wegen der Vereinsamung der Alten oder der Rückkehr des Wolfs. Anders als im Märchen haben wir allerdings einen Sozialstaat, der in beiden Fällen die Situation kontrollieren, beeinflussen und korrigieren kann. Die Romantik der guten alten Zeit ist vielleicht wenig historisch fundiert, sagt aber viel über unsere Wünsche an die Zukunft. Dazu scheinen auch trotz aller Individualisierung für viele noch intakte familiäre Strukturen sowie stabile generationenübergreifende und persönliche Bindungen zu zählen. Das spricht dafür, die Rentenpolitik in einen größeren familien- und sozialpolitischen Rahmen zu setzen, um auch die Zeit vor dem Renteneintritt einzubeziehen und mitzudenken.

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