Effektivkosten ohne Standard unbrauchbar

Der Ausweis der Effektivkosten, zu dem die Anbieter privater Rentenversicherungen seit dem 1. Januar 2015 gesetzlich verpflichtet sind, hilft bislang nicht, kostengünstige Angebote zu finden.
Die Transparenz von Rentenversicherungen hat sich im zurückliegenden Jahr sogar noch verschlechtert, weil Versicherer Effektivkosten geändert haben, ohne dass dies für die Kunden nachvollziehbar ist. Dieses enttäuschende Fazit ergibt sich aus der neuen DIA-Studie „Wie wirkt das Lebensversicherungs-Reformgesetz? Update 2016“. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) hatte bereits im vergangenen Jahr die Auswirkungen des Lebensversicherungs-Reformgesetzes untersucht und schon 2015 kritisiert, dass die Angabe der Effektivkosten in der gegenwärtigen Form unbrauchbar ist. Mit dem Update sollte nun nach zwölf Monaten überprüft werden, ob sich im Anschluss an die heftige Kritik Verbesserungen eingestellt haben. Zwar gab es Bemühungen seitens der Versicherungswirtschaft, dadurch ist die Verwirrung für die Versicherungskunden zunächst noch größer geworden, fassen die Autoren der Studie ihre Auswertungen zusammen.

So fanden im Laufe des Jahres, von unbedeutenden Ausnahmen abgesehen, keine Anpassungen der Kosten bei Privat- und Riester-Renten statt. Daher haben sich in vielen Fällen die Effektivkosten auch nicht geändert. Es existiert aber auch eine Reihe von Ausnahmen, bei denen die Effektivkosten gefallen oder gestiegen sind, obwohl keine oder nur geringfügige Änderungen der Kosten erfolgten. „Wie schon in der ersten Untersuchung festgestellt, hat der Gesetzgeber den Versicherern keine einheitliche Berechnungsmethode für die Effektivkosten vorgegeben. Daher bestanden zahlreiche Unklarheiten bei der Berechnung der Effektivkosten, zum Beispiel zur Behandlung der Zuschläge bei monatlicher Beitragszahlung“, erläutert Studienautor Mark Ortmann. „Um diese Unklarheiten zu beseitigen, hat der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft im Oktober 2015 den Versicherern eine Hilfe für die Berechnung zur Verfügung gestellt. Diese Hilfe haben offenkundig einige Unternehmen angewandt, wodurch sich ihre Effektivkosten veränderten, auch wenn die Kosten gleich geblieben sind. Die Angleichung der Berechnung ist ein notwendiger Schritt, um eine Vergleichbarkeit zu schaffen. Für den Kunden bleibt es aber ein Trauerspiel: Verbraucher können beim besten Willen nicht verstehen, warum sich Effektivkosten ändern, obwohl beitragsbezogene Kosten unverändert geblieben sind.“

Navigation im Blindflug

Kunden und Versicherer baden gemeinsam die Nachlässigkeit des Gesetzgebers aus, den Versicherern keine einheitliche Berechnungsmethode mitzuliefern. „Ohne eine standardisierte, anbieterunabhängige Berechnungsvorgabe sind die heute ausgewiesenen Effektivkosten unbrauchbar“, erklärte DIA-Sprecher Klaus Morgenstern. Die Produktinformationsstelle Altersvorsorge (PIA) hat mittlerweile einen Berechnungsstandard für die Effektivkosten entwickelt und veröffentlicht. Er ist ab dem kommenden Jahr für Riester- und Basisrenten verpflichtend. „So lange dieser Standard nicht gilt, ist die Suche nach einem kostengünstigen Altersvorsorgeprodukt Navigation im Blindflug.“

Das nächste Chaos droht

Der Gesetzgeber habe mit der Beschränkung des Standards nur auf Riester- und Basisrenten zudem bereits eine neue Fallgrube ausgehoben. „Für die ungeförderten Rentenversicherungen in der dritten Altersvorsorgeschicht bleibt nur die Hoffnung, dass die Anbieter das gleiche Berechnungsverfahren freiwillig anwenden. Eine Garantie gibt es dafür aber nicht“, warnen Morgenstern und Ortmann. Geschieht dies nicht, werden die Effektivkosten für staatlich geförderte und ungeförderte Produkte unterschiedlich berechnet. Studienautor Ortmann dazu: „Dann ist das Chaos perfekt.“

Keine Wirkung auf die Kosten

Ohne einen einheitlichen Effektivkostenausweis wird es aber auch keinen Druck auf die Kosten geben, weil Sparer gar nicht sicher wissen, welche Versicherer teuer sind und daher gemieden werden sollten. So gab es 2016 keine Kostensenkungen bei den Privat- und Riester-Renten, wie die DIA-Studie zeigt. Weder bei den einmaligen Abschluss- und Vertriebskosten noch bei den laufenden Kosten sind wesentliche Veränderungen zu verzeichnen. Mit dem gesetzlich geforderten Effektivkostenausweis sollte aber eine Kostensenkung initiiert werden. Dieser Effekt ist, anders als vom Gesetzgeber beabsichtigt, noch nicht eingetreten.

 

Die Studie "Wie wirkt das Lebensversicherungs-Reformgesetz? Update 2016" finden Sie hier zum Opens external link in new windowBlättern oder zum Initiates file downloadDown-Load.

Erbschaften sind sehr ungleich verteilt

3,1 Billionen Euro werden im Zehnjahreszeitraum von 2015 bis 2024 in Deutschland vererbt. Bei einem Gesamtvermögen aller privaten Haushalte von gut elf Billionen Euro wechseln damit drei von zehn Vermögens-Euro ihren Besitzer.

 

Davon werden 2,1 Billionen Euro an die nächste Generation übertragen. Fast jede zweite generationenübergreifende Erbschaft wird Immobilien enthalten, deren Wert allein sich auf 0,9 Billionen Euro summiert. Wie die großen Vermögen konzentrieren sich auch die großen Erbschaften auf wenige Fälle. Die oberen zwei Prozent aller Hinterlassenschaften vereinen etwa ein Drittel des gesamten Erbschaftsvolumens auf sich. Das geht aus der Studie „Erben in Deutschland 2015 – 24: Volumen, Verteilung und Verwendung“ hervor, die von Dr. Reiner Braun, empirica ag, im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) verfasst und Anfang September in Berlin vorgestellt wurde. Im Durchschnitt werden je Erbfall 363.000 Euro vererbt. Im Einzelfall haben die Nachlässe aber sehr unterschiedliche Größen.

Erbschaften zwischen den Generationen

* in heutigen Preisen (inflationsbereinigt)
Quellen: Deutsche Bundesbank, DV/giv, SOEP, Destatis, eigene Berechnungen – empirica

Rechnet man zum Beispiel die zwei Prozent größten Hinterlassenschaften heraus, beträgt die durchschnittliche Erbschaft nur noch 242.000 Euro. In jeder achten Erbschaft gehen die Erben, sieht man vom Sachvermögen ab, sogar leer aus. Gleichwohl sind die vererbten Beträge in den zurückliegenden 15 Jahren real um 19 Prozent angestiegen – obwohl die Haushaltsvermögen real gesunken sind. Außerdem gehören inzwischen häufiger Immobilien zur Erbschaft. Immobilien bestimmen zudem maßgeblich die Erbschaftshöhe: Wenn Immobilien zum Nachlass gehören, dann wird in der Regel auch deutlich mehr Geld vererbt. Immobilienlose Erbschaften sind dagegen in jedem vierten Fall „wertlos“. Werden dagegen Immobilien vererbt, dann beträgt der Nachlass meist mehr als 150.00 Euro. Während in den alten Bundesländern mehr als die Hälfte aller Erbschaften eine Immobilie umfasst, trifft das im Osten nur in einem von drei Erbfällen zu. Allerdings läuft die Angleichung bereits auf vollen Touren: vor 15 Jahren waren noch vier von fünf ostdeutschen Erbfällen immobilienlos.

Zusammensetzung der vererbten Immobilien

* eingeschränkte Aussagekraft wegen geringer Fallzahl
** Wochenend-/Ferienhaus, Laube/Datsche, kombiniertes Wohn-/Geschäftshaus oder Betriebsgebäude
(generationenübergreifende Übertragungen an die Erbengeneration 2015 - 2024, ohne die zwei Prozent einkommensreichsten Haushalte)
Quelle: Deutsche Bundesbank, DV/gif, SOEP, Destatis und eigene Berechnungen

„Erbschaften werden zunehmend ungleicher, denn die Vermögensausstattung wird immer mehr durch regionale Besonderheiten geprägt; insbesondere in Regionen mit hoher oder gar steigender Wohneigentumsquote und zuwanderungsbedingt stei­genden Preisen kann mit hohem und weiter zunehmendem Erbschaftsvolumen ge­rechnet werden“, stellt Dr. Reiner Braun fest. Außerdem sei die langfristige Entwicklung des Erbschaftsvolumens unsicher, weil nachrückende Erblasser immer länger und konsumfreudiger leben. Durch die private Altersvorsorge ergeben sich weitere Unsicherheiten: soweit diese mit staatlichen Fördergeldern aufgebaut wird, sind die Vermögen nicht oder nur bedingt vererbbar.

Insgesamt werden in den Jahren 2015 – 24 Geldvermögen in Höhe von 597 Milliarden Euro generationenübergreifend vererbt (ohne die zwei Prozent einkommensreichs­ten Haushalte). Etwa die Hälfte des Geldes ist in festverzinslichen und wenig riskanten Sparguthaben angelegt. Ein weiteres Drittel ist renditeträchtiger, aber etwas riskanter in Wertpapieren investiert. Alters­bedingt halten die Erblasser nur noch einen geringen Anteil ihres Geldvermögens in Lebensversicherungen oder Bausparguthaben.

Zusammensetzung der vererbten Geldvermögen

* Aktien, Rentenwerte, Fonds ** inklusive Fest-/Termingeld, Sparbriefe, Tagesgeld
(generationenübergreifende Übertragungen an die Erbengeneration 2015 - 2024, ohne die zwei Prozent einkommensreichsten Haushalte)
Quelle: Deutsche Bundesbank, DV/giv, SOEP, Destatis und eigene Berechnungen

Die Studie zum Opens external link in new windowBlättern oder zum Initiates file downloadDown-Load.

Der LV-Markt ist in Bewegung gekommen

Zum 1. Januar 2015 haben die Versicherungsunternehmen das Lebensversicherungs-Reform­gesetz umgesetzt. Einige Ziele des Gesetzgebers wurden erreicht.


Die einmaligen Abschlusskosten sind gesunken, die Rückkaufswerte entwickeln sich besser. Die Effektivkosten verringerten sich nur leicht. Kunden haben auch heute keine Chance, das beste und günstigste Produkt in der Vielfalt der Tarife zu finden. Das sind die wesentlichen Ergebnisse der Studie „Mehr Transparenz, weniger Kosten? – Was hat das Lebensversicherungs-Reformgesetz gebracht?“, die vom Berliner Institut für Transparenz (ITA) im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) erstellt wurde.In der Studie vergleicht das ITA klassische Privat-Renten­ver­sicherungen und Riester-Renten der Jahre 2014 und 2015. Erwartungsgemäß sind die garantierten Leistungen gesunken, allerdings etwas weniger, als der gesetzliche Garantiezins gesunken ist.

 

Auch die Leistungen mit Überschüssen sind im Jahr 2015 niedriger als im Vorjahr, wobei die Leistungen weniger stark gefallen sind als die Gesamtverzinsung im Markt. Der Grund dafür liegt in den Kosten. Die Versicherer haben die Gesamtkosten leicht gesenkt: Bei klassischen Privat-Renten sind die Effektivkosten im Durchschnitt um 0,8 Prozent gesunken, bei klassischen Riester-Renten sogar um 4,9 Prozent. „Es ist ein erfreuliches Zeichen, dass die Effektivkosten leicht gesunken sind. Der Markt bewegt sich langsam in die richtige Richtung“, resümiert Dr. Mark Ortmann, Geschäftsführer des ITA und Autor der Studie. Dabei sind die Unterschiede zwischen einzelnen Anbietern enorm. Bei klassischen Privat-Renten sanken die Effektivkosten in der Spitze um 24,0 Prozent, sie wurden aber auch um bis zu 28,6 Prozent erhöht. Bei klassischen Riester-Renten sind die Effektivkosten sogar um bis zu 29,3 Prozent niedriger als bei den Tarifen des Vorjahres, während ein Anbieter sie in der Spitze um 9,0 Prozent erhöht hat.

Einmalige Abschlusskosten sind gesunken

„Das Ziel des Gesetzgebers, die einmaligen Abschlusskosten zu senken, ist erreicht worden“, stellt Ortmann fest. Im Durchschnitt der untersuchten Tarife sind die einmaligen Abschlusskosten gesunken, allerdings weniger stark, als der Höchstzillmersatz gesenkt wurde. Es gibt sogar einige wenige Anbieter, die die einmaligen Abschlusskosten entgegen der Intention des Gesetzgebers erhöht haben. Durch die Absenkung der einmaligen Abschlusskosten hat sich der Verlauf der Rückkaufswerte bei den Tarifen des Jahres 2015 verbessert. Kunden, die ihre Rentenversicherung kündigen, erhalten jetzt im Durchschnitt bis zum 15. Jahr (bei klassischen Privatrenten) beziehungsweise bis zum 12. Jahr (bei klassischen Riester-Renten) mehr ausgezahlt. Nach diesen Jahren fallen die neuen Rückkaufswerte allerdings niedriger aus als bei den Tarifen des Jahres 2014. Die meisten Anbieter haben die gesunkenen einmaligen Abschlusskosten durch höhere laufende Kosten kompensiert.

Wenig Bewegung bei den Provisionen

Ziel der Maßnahmen war es nicht, die Kosten insgesamt zu senken. Im Interesse der Vermittler wurden die laufenden Kosten angehoben. Damit ist es den meisten Anbietern gelungen, dass Provisionsniveau aufrechtzuerhalten. Leider haben die Anbieter keine veröffentlichungsfähigen Angaben zur Veränderung der Provisionen geliefert. Allerdings zeigt die Courtage-Ampel eines Vermittler-Pools, dass überwiegend keine Anpassung der Provisionen vorgenommen oder geplant wurden. Insgesamt ist eher nicht damit zu rechnen, dass sich die Vermittlerprovisionen ohne gesetzgeberische Maßnahmen signifikant nach unten bewegen. Wenn der Gesetzgeber eine Senkung der Provisionen wünscht, müsste er Obergrenzen gesetzlich verankern, so wie in der privaten Krankenversicherung geschehen. Alternativ könnte er den Wettbewerb stärken, indem zumindest unabhängige Vermittler die Provisionen offenlegen müssten, und das Provisionsabgabeverbot endgültig abschaffen.

Viele Produktunterlagen sind eine Zumutung

Die Kunden sind nach der Reform auch noch nicht viel schlauer als vorher. „Die Produkt­unterlagen, die wir untersucht haben, sind zum Teil eine Zumutung für Kunden“, ärgert sich Ortmann. „Da ist es kein Wunder, dass immer weniger Menschen Altersvorsorgeprodukte abschließen: Man hat kann die Unterlagen nicht verstehen und auch die Effektivkosten nicht vergleichen.“

Gesetzgeber hat eine Chance vertan

Der Gesetzgeber ordnete zwar an, dass seit 1. Januar 2015 die Effektivkosten ausgewiesen werden müssen, eine einheitliche Berechnungsmethode hat er aber nicht vorgegeben. Versicherer rechnen jetzt die Effektivkosten nach Lust und Laune aus. Der Effektivkosten, die dabei herauskommen, sind nicht vergleichbar. „Die Branche und der Gesetzgeber haben die Chance vertan, die Effektivkosten zu definieren und so für einen einheitlichen Standard zu sorgen“, fasst Ortmann zusammen und zieht folgendes Fazit: „Mit kleinen Trippelschritten bewegt sich die Versicherungsbranche weiter, sanft vom Gesetzgeber gestupst, in Richtung Kunde. Es bleibt noch viel zu tun.“

Die Rente beginnt, aber die Arbeit geht weiter

Wenn über die vermeintlich anwachsende Altersarmut in Deutschland diskutiert wird, dient als Beleg häufig auch die steigende Zahl Erwerbstätiger über 65 Jahren. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Erwerbstätigen in dieser Altersgruppe tatsächlich deutlich angestiegen.

Dieser Zuwachs wird vor allem in der linken politischen Ecke auf die Absenkung des Rentenniveaus zurückgeführt. Da mit den Rentenreformen von 2001 bis 2005 das Rentenniveau spürbar abgesenkt worden ist, seien viele Ältere wegen der geringeren Einkommen dazu gezwungen, auch nach dem Rentenbeginn Geld zu verdienen. Allerdings sagt eine steigende Erwerbsquote älterer Menschen wenig über das propagierte Versagen der sozialen Sicherungssysteme aus. Bislang fehlten jedoch belastbare Aussagen über die Motive und Gründe, die Menschen bewegen, auch im Rentenalter weiter zu arbeiten. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) ging daher dieser Frage nach und wertete dazu einen repräsentativen Datensatz des Sozio-oekonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus. Diese Analyse lieferte interessante Einsichten und trägt zur Versachlichung der oftmals ziemlich emotional geführten Diskussion bei.

Drohende Altersarmut ist kein Treiber für Weiterbeschäftigung

Seit 1995 ist der Anteil der erwerbstätigen Ruheständler deutlich gestiegen und erreichte im Jahr 2012 ein neues Allzeithoch. Wenngleich die Erwerbsbeteiligungsquote insgesamt noch relativ gering ist, lassen sich doch deutliche Unterschiede in den Faktoren feststellen, die die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit begünstigen. So spielt das (Haushalts-)Renteneinkommen bzw. das Haushaltsvermögen zwar eine bedeutende Rolle bei der Frage, ob eine Erwerbstätigkeit trotz Ruhestand ausgeübt wird, jedoch nicht in der vielleicht öffentlich erwarteten Richtung. Die sich aus der deskriptiven Analyse ergebenden Zusammenhänge legen nicht den Schluss nahe, dass primär diejenigen Menschen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, die sich in einer besonders prekären Einkommens- bzw. Vermögenssituation befinden. Demnach dürfte auch das Argument, dass eine drohende Altersarmut die Menschen in die Erwerbstätigkeit drängt, an Gewicht verlieren. Die Analysen der beiden Studienautoren zeigen klar und konsistent, dass
Menschen mit einem hohen gesetzlichen Renteneinkommen bzw. einem
relativ hohen Vermögen verstärkt am Arbeitsmarkt anzutreffen sind.

 

Erwerbstätigkeit in Abhängigkeit vom Einkommen aus der gesetzlichen Rentenversicherung

Die Autoren weisen allerdings einschränkend darauf hin, dass es sich bei der vorliegenden Analyse um eine Betrachtung der Zusammenhänge im Zeitraum 1995 bis 2012 handelt. Zukünftige Entwicklungen eines sinkenden Rentenniveaus, lückenhafter Erwerbsbiografien und daraus resultierend geringeren Entgeltpunkten in der gesetzlichen Rentenversicherung, kombiniert mit einer Zunahme der Beschäftigung im Niedriglohnsektor könnten das Bild der Erwerbstätigkeit im Rentenalter in der Zukunft verändern.

Hoher Anteil von Selbstständigen und Freiberuflern

Mit Hilfe einer ökonometrischen Schätzung ermitteln die Autoren, mit welcher Wahrscheinlichkeit verschiedene Faktoren die Erwerbstätigkeit im Rentenalter beeinflussen. So haben Einkommen und Vermögen Anteil an der Motivation zur Erwerbstätigkeit, jedoch weder als alleiniger noch als einer der Haupteinflussfaktoren. Es wird deutlich, dass vor allem Männer, Westdeutsche und Personen mit einer früheren Teilzeitanstellung auch im Ruhestand erwerbstätig sind. Einen weiteren, aber mit dem vorliegenden Datensatz empirisch nicht zu testenden hohen Anteil machen Selbstständige, mithelfende Familienangehörige und Freiberufler aus. Dies deutet darauf hin, dass neben den monetären Anreizen vor allem die Bedürfnisbefriedigung im sozialen bzw. persönlichen Bereich bei der Erwerbstätigkeit im Rentenalter im Fokus steht, da es (Neu-)Rentnern unter Umständen nicht leichtfällt, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden.

 

Vor allem Selbstständige arbeiten im Rentenalter weiter in Vollzeit

In der Erwerbsform „Selbständigkeit“ findet sich zudem der größte Anteil an Personen, die trotz Bezugs einer gesetzlichen Rente weiterhin einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Bei mitarbeitenden Familienangehörigen und bei abhängig Beschäftigten dominiert dagegen die geringfügige Beschäftigung, gefolgt von Teilzeitbeschäftigung.

Bewahren statt entsparen

Altersvorsorgevermögen wird im Rentenalter zu einem großen Teil gar nicht für den ursprünglich gedachten Zweck verwandt. Das ergaben Untersuchungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, die in der neuen DIA-Studie "Psychologie der Altersvorsorge: Entscheidungsfindung in der Entsparphase" veröffentlicht wurden. Die Studie zeigt typische Verhaltensformen beim Umgang mit Einkommen und Vermögen in der Rentenphase.

Erhebliche Teile der Ersparnisse, die in Deutschland ursprünglich als Altersvorsorge angelegt wurden, kommen gar nicht für diesen geplanten Zweck zum Einsatz, sondern davon profitieren die nachfolgenden Generationen. Der geplante Rückgriff auf vorhandenes Vermögen, mit dem niedrigere laufende Einnahmen ausgeglichen werden können, findet im Rentenalter nämlich häufig gar nicht statt, weil ihm mentale Ausgabebarrieren entgegenstehen. Das ist eine Kernaussage der jüngsten Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), mit der finanzielle Dispositionen und Verhaltensformen im Rentenalter aus psychologischer Sicht untersucht wurden. „Die Befragten wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, ihr erspartes Vermögen wieder auszugeben. Sie möchten sich nicht der erwirtschafteten Sicherheiten berauben“, schreibt Autor Heiko Thomas vom rheingold institut in Köln, das im Auftrag des DIA die Studie „Psychologie der Altersvorsorge: Entscheidungsfindung in der Entsparphase“ angefertigt hat.

Das Vermögen soll nicht angegriffen werden

In Wirklichkeit gehe es nicht ums Entsparen, sondern ums Bewahren, stellt die Studie fest. Ein „Verzehr“ von Altersvorsorgevermögen, wozu es eigentlich gedacht war, findet kaum statt. Trotz verringerter Einkünfte im Vergleich zum Berufsleben sollen die Kosten für den Lebensunterhalt möglichst komplett aus den laufenden Einkünften wie Renten- und Pensionszahlungen, Zinserträgen, Leibrenten oder Mieteinnahmen bestritten werden. „Für den Urlaub oder für unvorhersehbare Anschaffungen wird sogar noch Geld regelmäßig zur Seite gelegt. Das Vermögen soll dafür nicht angegriffen werden“, beschreibt Heiko Thomas eine weit verbreitete Verhaltensweise.

In den psychologischen Tiefeninterviews, die für die Studie durchgeführt wurden, trat deutlich hervor, dass der Verwendung des Vermögens starke mentale Barrieren im Wege stehen: Die Entsparphase ist zugleich eine Endsparphase, weil es um die Planung des letzten Lebensabschnittes geht. Mit dem Gedanken der Endlichkeit des Lebens wollen sich aber viele Menschen gar nicht beschäftigen. Probleme, die mit dem Älter-werden einhergehen, werden bewusst ausgeblendet.

Die Planwirtschafter überwiegen

Handlungs- und Verhaltensweisen beim Umgang mit dem Altersvorsorgevermögen wurden im qualitativen Teil der Studie in sechs verschiedenen Typen von Best Agern zusammengefasst:

• Planwirtschafter

• Vertager

• Blender

• Options-Optimisten

• Renovierer

• Neustarter

Die Planwirtschafter und die Vertager sind mit 34 Prozent beziehungsweise 27 Prozent die beiden Typen, die am häufigsten in der Altersgruppe 55+ anzutreffen sind. Das ergab die anschließende quantifizierende repräsentative Online-Erhebung.

Aussitzen und auf die lange Bank schieben

Planwirtschafter zeigen ihr Vermögen kaum, sie schieben Geldangelegenheiten gern auf die lange Bank. Daher wählen sie auch bevorzugt Produkte mit einer langen Laufzeit aus, die es ihnen ermöglichen, sich dann nicht mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Das Vermögen wird von den Planwirtschaftern nicht angerührt aus Sorge, es könnte dann verschwinden, obwohl sie finanziell durchaus gut ausgestattet sind und sich in der Mehrzahl gut abgesichert fühlen. Planwirtschafter haben ihre Stärke im Aussitzen. Obwohl sie weit vorausdenken, münden ihre Planungen dann doch nur in wenige Entscheidungen, die strukturelle Veränderungen in ihrem Vermögen bewirken könnten.

Hinter Sicherheiten verschanzt

Vertager verschanzen sich hinter Sicherheiten. Statt klarer Entscheidungen wird das Vermögen nur von Tagesgeldkonto zu Tagesgeldkonto verschoben. So wird sichergestellt, dass sich möglichst wenig verändert. Hinter dem Wunsch nach Sicherheit steckt oft die Angst vor Bedrohung und vor Verlusten. Vertager gehen keine Risiken ein und fühlen sich schlecht abgesichert für das Alter. Unter den Vertagern findet sich ein hoher Frauenanteil. Vergleicht man alle sechs Verhaltenstypen, so haben die Vertager die wenigsten Produkte für die Altersvorsorge. Den unterdurchschnittlichen finanziellen Möglichkeiten entsprechend stehen auch kaum größere Ausgaben an.

Aufwändiges Leben und im Alter noch berufstätig

Blender führen, verglichen mit den übrigen Verhaltenstypen, ein aufwändiges Leben, zumindest führen sie es entsprechend vor. Sie wollen so ihre Lebendigkeit auch beim Altern bewahren. Blender haben vor allem Vermögen in Sachwerten, wie zum Beispiel Immobilien. So besitzen sie überdurchschnittlich häufig ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung. Sie sind vergleichsweise wohlhabend und fühlen sich in der überwiegenden Mehrheit sehr gut oder gut für das Alter abgesichert. Sie zeigen eine größere Neigung, sich in finanziellen Angelegenheiten beraten zu lassen und sind zur Finanzierung ihres kostspieligeren Lebensstils oft auch im hohen Alter noch berufstätig, zumindest in Teilzeit.

Vermögen wird hin und her bewegt

Options-Optimisten teilen ihr Vermögen bewusst auf verschiedene Säulen auf und schaffen sich so unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten. Durch die vorhandenen Alternativen strahlen sie Optimismus aus. In einer Form von individuellem Finanzmanagement wird das Vermögen zwischen den Säulen hin und her bewegt. Dabei wird zwischen kurz- und langfristigen Laufzeiten und unterschiedlichen Anlageformen gewechselt. Aber auch dabei besteht das wesentliche Bestreben darin, das Vermögen vor allem zu bewahren. Unter den Options-Optimisten befindet sich ein hoher Männeranteil. Sie sind größtenteils wohlhabend. Finanz­entscheidungen werden meist allein getroffen. Options-Optimisten investieren auch in riskantere Anlagen wie zum Beispiel Aktien, fühlen sich in der Mehrheit gut beziehungsweise sehr gut für das Alter abgesichert und orientieren sich auffallend auf höhere Renditen.

Häufig im Besitz einer Immobilie

Renovierer besitzen von allen Befragten am häufigsten eine Immobilie. Sie investieren viel in den Erhalt der Immobilie, aber auch in die eigene körperliche Verfassung. Durch die starke Fokussierung auf Immobilien ist der Zugang zum Vermögen weitgehend „verbaut“. Selbst wenn sie mehr Geld im Alter ausgeben wollten, könnten sie es nicht, weil sich ein großer Teil davon in illiquiden Vermögenswerten befindet. Es ist wenig Barvermögen vorhanden. Auch bei diesem Typ ist der Männeranteil vergleichsweise hoch. Finanzentscheidungen werden allerdings meist gemeinsam mit dem Partner getroffen.

Sozial engagiert und vergleichsweise jung

Neustarter haben einen stärkeren Fokus auch auf immaterielle Werte, Geld wird mitunter weniger wichtig. In neuen Beziehungen, neuen sozialen Kontakten, ehrenamtlichen Aufgaben werden neue Werte gefunden. Sie engagieren sich sozial, weniger finanziell. Unter den Neustartern befindet sich ein hoher Frauenanteil, außerdem sind sie vergleichsweise jung. Allerdings fühlt sich nur ein geringer Teil für das Alter finanziell gut abgesichert. Für Vermögensentscheidungen nutzen sie häufig Freunde und Bekannte als Informationsquelle. Überdurchschnittlich viele Neustarter üben ein Ehrenamt aus. Nach den Options-Optimisten und Blendern fassen die Neustarter im Vergleich noch am häufigsten größere Anschaffungen beziehungsweise Ausgaben ins Auge.

Testament nur selten vorhanden

Trotz fortgeschrittenen Alters ist bei allen Verhaltenstypen eher selten ein Testament vorhanden. Nur 36 Prozent haben eine Nachlassverfügung erstellt. 37 Prozent der Befragten gaben an, sich noch nicht um das Thema „Vererben“ zu kümmern. Die Bereitschaft, Vermögensvorsorge über den Tod hinaus zu betreiben, ist bei den einzelnen Verhaltenstypen ähnlich gering ausgeprägt. Lediglich die Options-Optimisten und die Blender ragen ein klein wenig über den Durchschnitt hinaus. Obwohl das Verhalten darauf hinausläuft, dass erhebliche Teile des Altersvermögens an die folgende Generation weitergegeben werden, trifft die Mehrheit keine Vorsorge dafür, stattdessen wird auf gesetzliche Regelungen gesetzt. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass man sich die Vorstellung bewahren will, es könne ewig so weiter gehen.

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EU-Sozialsysteme unter Demografie-Druck

 

Durch den demografischen Wandel werden die Sozialausgaben für Ältere in vielen Ländern der Europäischen Union in den kommenden Jahren enorm ansteigen, sofern keine rechtzeitigen Anpassungen an diese Entwicklung erfolgen. Da das Ausmaß der Alterung in den einzelnen EU-Staaten und der Umfang der Sozialausgaben allerdings unterschiedlich ausfallen, sind die Länder verschieden stark betroffen. So zählt Italien im Jahr 2060 zu den ältesten Ländern in Europa und zahlt heute bereits die höchsten Leistungen an die ältere Bevölkerung. Deutschland, Griechenland, Spanien und Portugal werden zwar 2060 ebenfalls zu den ältesten europäischen Staaten gehören, weisen aber im EU-weiten Vergleich nur Ausgaben im Mittelfeld aus. Umgekehrt sind die Ausgaben pro Kopf in der Altersgruppe 65+ in Frankreich, Österreich, Schweden und Finnland heute vergleichsweise hoch, aber die Alterung in diesen Ländern schreitet nicht ganz so schnell voran. Zu diesen Einschätzungen gelangt die aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge „Zur Zukunftsfestigkeit der europäischen Sozialstaaten“, die vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Institut erstellt worden ist.

 

In der Analyse der Studie wurden mehrere Dimensionen aufgezeigt, die sozialstaatliche Ausgaben beeinflussen: die demografischen Kräfte der Bevölkerungsalterung, die über die europäischen Länder hinweg stark variieren, politische Präferenzen, die die Politiker innerhalb Europas in die unterschiedlichsten Richtungen treiben, und Anreizeffekte, die eine erweiterte Nachfrage nach Sozialausgaben wecken. Die Studie ging zudem der Frage nach, ob die zunehmenden Ausgaben für die Älteren andere Sozialausgaben für jüngere Menschen verdrängen. Für diese Annahme lieferten die Auswertungen der Daten aus 27 EU-Staaten, Kroatien als jüngstes EU-Mitglied wurde mangels ausreichender Daten noch nicht einbezogen, keinen Beleg. Stattdessen wurden die Ausgaben für beide Altersgruppen in Relation zur allgemeinen Größe des Sozialstaates parallel ausgeweitet beziehungsweise reduziert. Das impliziert jedoch nicht, dass eine solche Verdrängung auch für die Zukunft bei höheren Ausgabenniveaus ausgeschlossen werden kann. Ganz im Gegenteil: Es besteht eine starke Abhängigkeit der Sozialausgaben vom Anteil der Älteren an der gesamten Bevölkerung, was für die Zukunft auf zunehmende Finanzierungsprobleme schließen lässt.

Erwerbsquoten sind eine wichtige Stellschraube

Sollen die staatlichen Leistungen zur sozialen Sicherung der Älteren auch in Zukunft in ihrem heutigen Umfang erhalten bleiben, wird es in vielen europäischen Ländern zu erheblichen zusätzlichen Belastungen für die aktive Generation kommen, die diese Leistungen zu einem Großteil finanziert. Die Studie untersucht daher die Anpassungspotenziale auf dem Arbeitsmarkt. Eine zentrale Stellschraube sind dabei die Erwerbsquoten. Ihre Erhöhung kann dazu beitragen, die demografisch bedingten Belastungen abzumildern. Innerhalb der Europäischen Union streuen die Erwerbsquoten zwischen 60 und 80 Prozent, wobei die Unterschiede wesentlich durch die Differenzen zwischen den Erwerbsquoten der Älteren und der Frauen bestimmt werden. In Deutschland ist das Erwerbsverhalten von Frauen maßgeblich durch die Anwesenheit von Kindern geprägt. So ist die Erwerbsbeteiligung kinderloser Frauen im internationalen Vergleich hoch. Erst wenn Mütter mit Kindern betrachtet werden, fällt Deutschland im Ranking zurück. Die Differenz der Erwerbstätigenquoten von Frauen und Männern mit Vorschulkindern betrug 2012 in Deutschland 31 Prozentpunkte. Nicht nur die skandinavischen Länder, sondern auch Länder wie Polen, Österreich, Frankreich und Großbritannien kommen auf niedrigere Differenzen. Auch wenn die Kinder bereits im Teenager-Alter oder erwachsen sind, haben Väter in Deutschland noch eine um 11,7 Prozentpunkte höhere Erwerbstätigenquote als Mütter, während sich das Erwerbsverhalten in den meisten anderen Ländern mit zunehmendem Kindesalter weitaus stärker angleicht.

Effektives Renteneintrittsalter liegt deutlich niedriger

Die Studienautoren listen eine Reihe von Maßnahmen in der Rentenpolitik auf, die beitragen können, dass die Sozialsysteme in den europäischen Staaten zukunftsfester werden. Eine zentrale Rolle nimmt dabei das Renteneintrittsalter ein. In der Mehrzahl der Länder liegt das gesetzliche Renteneintrittsalter für Männer bei 65 Jahren und für Frauen bei 60 Jahren. In einigen Staaten liegt allerdings auch das Eintrittsalter für Männer deutlich unter 65 Jahren, im Durchschnitt der EU-27 beträgt es 63,9 Jahre. Das effektive Renteneintrittsalter ist in den meisten Ländern allerdings nochmals deutlich geringer als die vorgeschriebenen gesetzlichen Regelaltersgrenzen. Einzig Irland (64,1), die skandinavischen Länder Schweden (63,8) und Dänemark (63,1), sowie Zypern (63,5) und die Niederlande (63,2) erreichen hier einen Wert über 63 Jahren.

Altersvorsorge in Lila-Lagen

 

Wohnimmobilien sind derzeit eine besonders bevorzugte Form der Altersvorsorge. Jeder Dritte, der einen Ausbau seiner Vorsorge für das Alter plant, möchte ein Haus oder eine Wohnung bauen oder kaufen. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat daher in einer Studie die Faktoren untersucht, die bei der Altersvorsorge mit Wohnimmobilien beachtet werden müssen.

 

Nach Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) wird die Bevölkerung in Deutschland im Zeitraum der Jahre 2010 bis 2030 um 2,5 Millionen oder drei Prozent auf 79,3 Millionen Einwohner sinken. Da aber nicht Personen, sondern Haushalte Wohnungen nachfragen, ist die Zahl der Haushalte wichtiger als die Einwohnerzahl, stellen die Studienautoren Dr. Reiner Braun und Ulrich Pfeiffer vom Berliner Marktforschungsunternehmen empirica AG fest. Tatsächlich gibt es immer mehr Alleinlebende und immer weniger Familien. Dadurch sinken die Haushaltsgrößen und steigt die Zahl der Haushalte weiter an, selbst bis zum Jahr 2030 werden es nicht weniger sein als heute.

Wohnungen sind aber nicht gleich Wohnungen. Die Nachfrage nach Wohnungen in Eigenheimen bzw. in einfamilienhausähnlichen, eher höherwertigen Gebäuden wird nach empirica-Prognosen durchgehend im gesamten betrachteten Zeitraum steigen, auch wenn die Wohnungsnachfrage insgesamt bis 2030 kaum zunimmt und um 2020 ihr Maximum erreicht haben wird. Die Kehrseite: Geschosswohnungen, vor allem schlechtere Lagen und Qualitäten oder anonyme Großsiedlungen werden überproportionale Nachfrageeinbußen erfahren. Bei der künftigen Wohnungsnachfrage sind aber nicht nur Gebäudestile zu unterscheiden. Für eine erfolgreiche Vermögensanlage ist es auch wichtig, die Bedürfnisse der wichtigsten Nachfragegruppen zu kennen. Da wären zum einen die mengenmäßig bedeutende Gruppe der Senioren, die heute mobiler sind als in vergangenen Jahrzehnten, aber auch anspruchsvoller. Eine zahlenmäßig kleinere Gruppe sind die Familien. Diese Nachfrager haben aber sehr spezielle Wohnwünsche. Außerdem entscheiden vor allem Familien mit ihrer Wohnstandortwahl darüber, wohin die Umlandwanderung
führt: in die Suburbanisierung oder „zurück“ in die Stadt.

Die Regionen driften auseinander

Selbst bei konstanter oder insgesamt sinkender Zahl der Haushalte steigt die Wohnungsnachfrage regional auch künftig weiter an, denn Deutschlands Regionen driften auseinander. Anders als früher steigen Nachfrage und Preise im aktuellen Zyklus nicht flächendeckend.

 

In den Zuwanderungsregionen steigt die Einwohnerzahl und kann das Wohnungsangebot nicht Schritt halten mit dem Zuwachs der Haushalte. Ganz anders in den Abwanderungsregionen: hier ist nicht nur die Einwohnerzahl, sondern auch die Zahl der Haushalte rückläufig. Dennoch werden auch hier neue Wohnungen errichtet. Neubau auf schrumpfenden Märkten ist kein Paradox: auch dort gibt es zahlungskräftige Nachfrager. Deren Ansprüche können im vorhandenen Bestand nicht erfüllt werden, weil eine „automatische“ Aufwertung durch quantitative Zusatznachfrage fehlt. Daher wächst die Bedeutung der rein qualitätsbedingten Zusatznachfrage. Jeder zusätzliche Wohnungsbau erhöht dort aber den bestehenden Leerstand eins zu eins. Dies trifft dann immer zuerst die weniger attraktiven Standorte und Bauformen.

"Region, Region, Region" statt "Lage, Lage, Lage"

In früheren Wohnungsmarktzyklen war es einfach: allerorten stieg die Wohnungsnachfrage und die Devise „Lage, Lage, Lage“ gab ausreichend Orientierung, wo zu investieren war. Heute heißt es: „Region, Region, Region“. Investitionen lohnen, wo es schön ist (L wie Landschaft), wo man gut hinkommt (I wie Infrastruk- tur), wo etwas geboten wird (L wie Lebensqualität) und wo man einen Job findet (A wie Arbeit). Das muss nicht immer im Westen sein. Es sind auch nicht nur die Städte. Nein, auch im Osten, auf dem Land und in Kleinstädten gibt es gute LILA-Lagen!

 

Investoren können auf Qualität oder Quantität setzen. Wer den LILA-Lagen folgt, setzt auf quantitatives Wachstum. Investoren können aber auch auf qualitatives Wachstum setzen: In Schrumpfungsregionen mit wenig Neubau werden Wohnungen mit höherwertigen Qualitäten zur Mangelware. Hier lohnen anspruchsvolle Nischenprodukte für Familien, Senioren oder Singles. Kombiniert man beide Faktoren (LILA-Qs), findet jeder Investor seinen Markt. Der Nischeninvestor wählt Abwanderungsregionen mit geringer Bautätigkeit, wer gegen den Trend schwimmen will, konzentriert sich auf Zuwanderungsregionen mit wenig Neubau, wer sich traut, setzt auf Regionen, die trotz Abwanderung hohe Fertigstellungszahlen aufweisen, und wer den Trend reiten will, lässt sich auch von hohen Fertigstellungszahlen in Zuwanderungsregionen nicht schrecken.

Chancen und Risiken mit Wohnimmobilien

Auch ohne die demographischen Veränderungen weist der Markt für Wohnimmobilien ausgeprägte Zyklen und damit erhebliche Chancen und Risiken auf. Wer in Immobilien investiert, muss diese Parameter kennen und im Auge behalten, denn nur wer die wahren Ursachen der Schwankungen kennt, kann die Chancen und Risiken auch richtig beurteilen. Verursacher von Immobilienzyklen sind neben demographischen Nachfrageschocks auch das BIP-Wachstum sowie Probleme bei der nachhaltigen Bewertung von Immobilienprojekten. Verstärkt werden diese Zyklen durch fiskalische
und sozialpolitische Eingriffe. Schließlich beeinflussen auch die (Regulierung der) Finanzmärkte den Zyklus.

Lange Jahre war die Vorstellung verbreitet, dass sich Wohnungsbau bei schrumpfender Einwohnerzahl nicht mehr lohnt. Tatsächlich ist die Nachfrage trotzdem gestiegen, weil es immer mehr (kleinere) Haushalte gab. Die Folge: Wohnungsknappheit und steigende Preise. Aktuell wird hoffnungsvoll in Wohnungen investiert. Ist das jetzt richtig? Es kommt auf die Region an. In den Wachstumsregionen gibt es noch quantitativen Zuwachs. Als Folge der Binnenwanderung stehen die vorhandenen Wohnungen am „falschen“ Ort. Je nach Anlagehorizont sind ganz unterschiedliche Regionen (noch) attraktiv. Aber auch in Schrumpfungsregionen kann es beachtliche Neubaunachfrage geben. Während die hohen Qualitäten in den Wachstumsregionen automatisch durch quantitative Neubaunachfrage auf den Markt kommen, altern in den Schrumpfungsregionen die heute noch hohen Qualitäten und wird der Bestand damit Jahr für Jahr unattraktiver. Wohlhabende Haushalte mit hohen Ansprüchen fragen daher auch künftig noch Neubau nach.

Riesterrente oder bAV - was ist besser?

 

Soll die Frage beantwortet werden, ob eine Riester- oder eine Betriebsrente die günstigere Vorsorge für das Alter ist, so gibt es keinen Königsweg. Aber es können Wegmarken für die individuelle Entscheidung fixiert werden.

Zu diesem Ergebnis führte die DIA-Studie mit dem Titel "Riesterrente oder betriebliche Altersversorgung - Was ist für wen besser geeignet?" Ein Ergebnis: Die in der Öffentlichkeit häufig zu hörende pauschale Argumentation, dass für Personen mit niedrigem Einkommen die Riesterrente wegen der staatlichen Zulagen generell günstiger ausfällt, stimmt nicht. Auch bei geringen Einkommen, sowohl für ledige als auch verheiratete Personen, kann die betriebliche Altersversorgung eine höhere Nettorente ergeben, als dies bei einem vergleichbaren Riester-Vertrag der Fall ist. Erst wenn mehr als ein Kind vorhanden ist, schlägt das Pendel zu Gunsten der Riesterrente aus.

Nettorenten im Vergleich

Das DIA hat für jeweils 34 Musterfälle die Nettorenten der zwölf größten Anbieter am Markt für einen Riesterrenten-Vertrag und für eine Direktversicherung in der betrieblichen Altersversorgung ermittelt und verglichen. Bei einer Nettokapitalanlage von jeweils 100 Euro monatlich wurde berechnet, welche Effekte sich durch die staatlichen Zulagen und die Verschiebung der Besteuerung in die Rentenphase ergeben und welche Leistung nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen für die Alterssicherung zur Verfügung steht. Anders als in vielen bislang veröffentlichten Berechnungen verglich das DIA dabei nicht nur die garantierte, sondern auch die prognostizierte Rente, da dem Sparer später diese Rente zur Verfügung steht, auch wenn sie nicht vom Versicherer garantiert wird.

Berechnungen für 34 Kundentypen

Einkommenshöhe, Kinderzahl und Familienstand variierte bei den einzelnen Musterfällen. Das sind drei Faktoren, von denen das Ergebnis bei Riester- und Betriebsrenten mit abhängt. Für die unterschiedlichen Kundentypen wurden jeweils Brutto- und Nettorente ermittelt. Außerdem berechnete das DIA die Gesamtkostenquote und die Rendite. Daraus konnte für jeden Kundentyp eine Schlussfolgerung abgeleitet werden.

In diesem Beispiel ist die Direktversicherung günstiger:

 

Dieser Kunde erhält mit einem Riestervertrag eine höhere Nettorente:

 

Die Studie führte zu dem Schluss, dass es kein klares Votum für die eine oder andere Vorsorgeform gibt. So bewirkt zum Beispiel der Zuschlag von 0,25 Prozent für einen Single ohne Kinder in der Pflegeversicherung, dass auch bei geringen Einkommen die betriebliche Altersvorsorge günstiger ist als die Riesterrente, trotz der Grundzulage für den Riester-Vertrag. Erst die Zulagen für Kinder lassen einen Vorteil für die Riesterrente entstehen. Bei einkommensstärkeren Sparern (2.500 Euro/Monat) hingegen liegt die Riester-Rente unabhängig von der Kinderzahl im Vorteil, während sich ab 3.000 Euro monatliches Einkommen die Situation wieder umkehrt. Dann wirken die ersparten Steuern und Sozialversicherungsbeiträge in der Ansparphase stärker als die Zulagen, die für die Riesterrente gewährt werden.

Riesterrente profitiert von höherer Kinderzahl

Die Untersuchungen des DIA liefern für das Gros der abhängig Beschäftigten eine modellhafte Entscheidungsgrundlage. So zeichnete sich insgesamt die Tendenz ab, dass die Vorteile für die betriebliche Altersversorgung umso stärker wiegen, je höher das Einkommen ist, weil die Bruttoanlage in der langen Ansparphase die Nachteile der vollen Belastung mit Sozialabgaben und die Steuerprogression aufwiegen. Grundsätzlich sollten vor der Entscheidung für einen Vertrag aber in jedem Fall eine Abwägung an Hand der individuellen Bedingungen vorgenommen werden. So könnte zum Beispiel bei Personen mit einem höheren Einkommen, die drei oder mehr Kinder haben, die Riesterrente wegen der insgesamt höheren Zulagensumme besser ausfallen.

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